Kultur : Mähne und Mann

GESANG

Ulrich Amling

Seine silberweiße Mähne umflattert aufgeregt den Kopf, wenn er die Bühne betritt. Mit festem Schritt eilt er vorbei an den unendlich hohen, verhangenen Fensterfronten, die ihm die Techniker der Deutschen Oper als Willkommensgruß auf die Bühnenbretter gestellt haben. Sie verströmen die Aura längst abgereister Sommergäste, und eine Erinnerung an verwehte Petersburger Ballnächte schleicht durchs Parkett, wo man russisch tuschelt und mit in Cellophan eingeschlagenen Blumensträußen knistert. Dimitri Hvorostovsky , der sibirische Starbariton, hat eine hingebungsvolle Anhängerschaft. Ihr verzeiht der 40-Jährige mit einem winzigen Lächeln auch die plötzlichen Applausattacken, die wie schwerer Regen auf die zarten Blüten der Lieder Tschaikowskis fallen. So welkt manches hin vor der Zeit. Hvorostovsky, der virile Don Giovanni und abgebrühte Eugen Onegin, tut sich an diesem Abend sichtbar schwer damit, seiner Rolle als Sexsymbol zu entsagen und sich den wagen, melancholischen Schwingungen von Tschaikowskis Musik hinzugeben. Um dieser spürbar lähmenden Unfreiheit zu entkommen, setzt er, feinfühlig von Mikhail Arkadiev am Klavier begleitet, auf einen eher pragmatischen denn psychologischen Zugriff. Wunderbar geschmeidig rollt seine Stimme durch die überschatteten Phrasen, doch ach zu plötzlich endet der Weg, ohne dass sich eine neue Blickachse eröffnet hätte. Jener dunkle Hintergrund, auf dem sich die in Poesie gelösten Bilder auskristallisieren müssten, bleibt nur ein Stück unbewegter Theatersamt. Besser bekommt Hvorostovsky die schlichtere Schönheit Rachmaninows mit ihrem kraftvollen Aufwallen, ihrem heroischen Unterton, ihrem Glanz. Hier verbinden sich Mähne und Mann, Schritt und Stimme zu einem Ereignis. Und Blumensträuße fliegen knisternd durch die Luft.

0 Kommentare

Neuester Kommentar