Kultur : Männer, Frauen und deutsche Identitäten - Bernhard Schlinks "Liebesfluchten"

Peter von Becker

Ein junger Deutscher, aus einem freigläubig christlichen Elternhaus, verliebt sich in ein jüdisches Mädchen aus New York. Er hat ein Promotionsstipendium für die USA, will eine juristische Arbeit über die Rechtsvorstellungen amerikanischer Utopisten schreiben. Sie entwickelt Computerspiele. Beide treiben auf der Glückswelle heftiger, frischer Verliebtheit. Und sind doch ein ungleiches Paar. Oder nicht?

Beide sind sie, Andi und Sarah, charmant und klug, Sarahs New Yorker Familie ist von dem höflichen jungen Deutschen beeindruckt, er nimmt sie in den Ferien mit auf eine Reise in seine Heimat, zeigt ihr das Rheintal und das liebliche Heidelberg, streift mit ihr durch das neue Berlin, sie gehen auch nach Oranienburg, sehen das KZ Sachsenhausen, sehen wenig Spuren des einstigen Schreckens. Der Schrecken ist immer nur im Kopf. Später lässt sich Andi von einem befreundeten Chirurg beschneiden, um Sarah, die davon nichts ahnt, auch für die Zukunft zu gewinnen. Er kehrt zu ihr zurück nach New York, und als sie ihr Wiedersehen feiern und miteinander schlafen, fällt Sarah nichts auf. Keine Überraschung, schon gar keine Dankbarkeit. War da wieder nur etwas in seinem Kopf? "Die Beschneidung" heißt der Text, und am Ende fehlt etwas in der Liebesnacht. Als Sarah schläft, schleicht sich der junge Deutsche aus dem Haus.

"Liebesfluchten" nennt Bernhard Schlink sein neues Buch. Nach drei Kriminalromanen und dem "Vorleser", seinem Welterfolg, publiziert der in Berlin lehrende Staatsrechtsprofessor nun erstmals einen Band mit Erzählungen. Der Titel ist Programm. Es sind sieben Liebesgeschichten: Sechsmal geht es um Männer und Frauen, auch um gemeinsame Kinder. Einmal erinnert sich ein Mann, ein Jurist, der als Deutscher zu einer internationalen Beobachtergruppe zählt, bei einer lebensgefährlichen Tour durch ein Bürgerkriegsland in Mittelamerika, an seinen Sohn: an versäumte Vaterliebe.

Fluchten in die Liebe, aus der Liebe. Flucht oftmals auch vor der Liebe. Schlinks Hauptfiguren sind jeweils Männer, meist erfolgreich im Beruf - oft Juristen und aus Süddeutschland stammend wie ihr Autor. Bei ihren Amouren fällt ihnen der Sex nicht schwer, aber die Hingabe geschieht nie herzüberkopf. Diese Schlinkmänner sind allemal narzisstisch, selten Machos, eher kontaktscheu, hirnübersteuert, aufgewachsen im Schatten der Nachkriegs-Nachnazizeit, regiert von gefühlskühlen Müttern, geschichtsbelasteten Vätern: Das alles wird von Schlink ohne Pathos gesetzt; es gehört zur fast schon selbstverständlichen Dramaturgie seines Erzählens, bildete die Grundierung auch des "Vorlesers". Heutiger, zeitgeistiger formuliert, lassen sich Schlinks Mannsbilder auch als gewöhnliche Stadtneurotiker bezeichnen. Jeder traurige Held ist auch ein nicht unkomischer Jedermann.

Bernhard Schlinks Texte sind ungewöhnlich in der deutschen Gegenwartsliteratur, weil sich in ihnen das durchaus handfeste, aktionsreiche story telling nach angelsächsischem Muster mit einer selbstreflexiven Gedankenprosa verbindet. Auch in den "Liebesfluchten" bleibt die Sprache meist lakonisch, Schlink meidet den gesuchten Ausdruck - all das, was Hemingway (sein Vorbild?) die five dollar-words nannte. Daneben gibt es dann immer wieder Passagen des halbessayistischen Schilderns, des räsonierenden Dialogs, die das Zweifeln und Zaudern, die plötzliche Gefühlsernüchterung nach Jahren der Liebe, Ehe und vermeintlichen Vertrautheit bekräftigen.

Was jedoch als Gedankenblässe erscheinen könnte, gelingt Bernhard Schlink vor allem in der "Beschneidung" und in der Erzählung "Der Seitensprung". Beide Male bilden da zwei erregte, erregende Dialoge den Höhepunkt, beide Male kreuzen sich Zeitgeschichte und Liebesgeschichte, mengen sich Rationalität und Vorurteil, kreuzt das Gefühl für Politik die Politik der Gefühle. Der junge Deutsche, der in Sarahs Familie auf herzliche Sympathie stößt, "obwohl" er Deutscher ist, gibt diesem "obwohl" eine dialektische Wendung. Er stehe als Individuum für kein Kollektiv (der Vergangenheit) - und würde es Sarah nicht als antisemitische Kränkung empfinden, wenn seine Verwandtschaft sie sympathisch fände, "obwohl" sie Jüdin sei? Sarah wiederum kränkt diese Hypothese - der Unvergleichbarkeit wegen. So geraten die Liebenden in ein Dilemma, weil zu ihrer Lebensrealität Stereotypen gehören, denen sie nicht zu entkommen vermögen. Auch nicht in einer Flucht aus Liebe.

Schlink scheut manchmal nicht das Element der Kolportage. Doch erzählt er den Grundkonflikt delikater, als es die verkürzte Nacherzählung jetzt andeuten kann. Noch stärker, was in der Erzählung vom "Seitensprung" ein Westdeutscher bei einem Ostberliner Ehepaar, seinen Freunden, eines Nachts als Auseinandersetzung eines Eheverrats, einer Stasi-Verstrickung erlauscht, als Zeuge und Selbstbetroffener. Schlinks Leser werden hierbei selber Zeugen spannender, psychokriminalistischer Zeitgeschichte - und erfahren zugleich, wieviel dieser Autor über Männer und Frauen weiß. Aus Georg Büchners Wort, dass jeder Mensch ein Abgrund sei, macht Schlink mit leichter Hand und tieferem Bedacht unterhaltsame Literatur.

Und einmal riskiert er sogar, ein schierer "Unterhaltungsschriftsteller" zu sein. Schlink erfindet sich einen ungläubigen Thomas als Glückspilz jener Postmoderne, die Patchwork-Biografien liebt: Thomas wird an der Seite seiner Ehefrau ein international berühmter Architekt, an der Seite der ersten Geliebten ein erfolgreicher Maler, die zweite Geliebte macht ihn zum Partner ihrer Investitionen - ein dreifacher (Alp-)Traum aus dem Geschäfts- und Geschlechtsleben. Bis Thomas entflieht, in einer Mönchskutte, und irgendwann als glücklicher Krüppel und Ex-Lover in den Fängen seiner Lieben landet, die sich als trio infernal entpuppen: mit ihrer süßen Rache. Das wirkt wie das Buch zum Film - Goldie Hawn, Bette Middler und Diane Keaton haben das schon einmal in einer amerikanischen Variante gespielt. In Deutschland schreibt Menschliche Komödien wie diese sonst nur Doris Dörrie. Spätestens jetzt ist Bernhard Schlink also noch als Filmautor zu entdecken.Bernhard Schlink: Liebesfluchten. Diogenes Verlag Zürich. 308 Seiten, 39,80 Mark.

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