Kultur : Männer in Deutschland: Interview: "Emotionaler, aber nicht weicher"

Sie sind fast dreißig Jahre in der Familienb

Edouard Marry (56) ist Psychotherapeut und Leiter einer Familienberatungsstelle des Caritasverbandes in Berlin.

Sie sind fast dreißig Jahre in der Familienberatung tätig. Was hat sich bei den Männern, die mit Lebensproblemen zu Ihnen kommen, am stärksten verändert?

Männer haben heute einen besseren Zugang zu ihrer eigenen Emotionalität.

Haben sie dadurch auch einen neuen Zugang zu Partnerschaft, Familie und Beruf?

Leider nicht. Denn der Fortschritt, den die Männer in ihrer Emotionalität gemacht haben, ist begleitet von einer Verdichtung ihrer Arbeitsbelastung. Das hat einiges zunichte gemacht von den Hoffnungen, die es noch vor zehn, fünfzehn Jahren gab. Damals glaubte die Gesellschaft, dass eine neue Generation von Männern heranwachsen könnte, die etwas weicher und fürsorglicher ist, als die vorausgegangene Generation. Aber das hat leider nicht stattgefunden. Diese Hoffnung hat sich zerschlagen.

Das heißt, heutige Männer spüren ihre Probleme deutlicher, leben aber im Grunde genauso wie ihre Väter.

Scherzhaft sage ich immer, Männer haben keine Probleme, sie haben nur Sorgen - mit der Arbeit, mit der Gesundheit und mit der Beziehung. Aus ihrer Sicht sind es die Frauen, die die Probleme haben. Männer - danach befragt - sehen bei sich meist keine Probleme.

Warum kommen sie dann zu Ihnen?

Die Gründe sind vielfältig. Es kommen Männer, die keine Beziehung finden oder keine führen können. Andere fühlen sich in ihrer Ehe zu sehr eingeengt. Auffällig stark gestiegen ist die Zahl der Männer um die 50, die aus Familie und Ehe ausbrechen wollen und sich eine jüngere Frau suchen. Sie klagen über Stress und Alltagstrott, über Lieblosigkeit und mangelnde Sexualität.

Männer haben die Möglichkeit, beispielsweise durch Teilzeitarbeit oder Erziehungsurlaub Stress abzubauen und so ihre Lebenszufriedenheit zu steigern.

Das tun sie aber nicht. Im Gegenteil. Der Konkurrenzdruck heute ist so stark, dass ein Mann, der Antrag auf Erziehungsurlaub stellt, damit rechnen muss, dass man ihn rausekelt und er seinen Arbeitsplatz verliert. Männer definieren sich zudem viel stärker über Leistung als Frauen. Sie können mit einer flachen Karriere oder beruflichen Misserfolgen viel schlechter umgehen als Frauen. Das kratzt viel stärker an ihrem Selbstwertgefühl.

Was müssen Männer lernen?

Sie müssen sich stärker an der Erziehung der Kinder beteiligen. Dies gibt einem Mann mehr, als er ahnt. Väter machen neue Erfahrungen, erleben die Lust am Erziehen und entdecken eine neue Dimension in ihrem Leben. Die kann durchaus gleichwertig sein zur Steigerung des Selbstwertes durch Arbeit. Männer sollten sich ihren Kindern mehr zuwenden und lernen, von ihnen Zuwendung anzunehmen. Das schafft ein neues inneres Gleichgewicht.

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