Kultur : Männer, Mörder, Macken - Andrej Worons expressives Stück

Hartmut Krug

Weit, bis zur Brandmauer, reißt die Bühne auf und gibt ihr nacktes Gerippe preis. Die Welt ist leer und das Leben ein Spiel über den Abgrund. Zwischen drohend offenen stehenden Bodenklappen drehen sich Banco und Macbeth Rücken an Rücken und schreien sich ihre Angst, ihre Lust ins Gesicht. Die zwei sind erfolgreiche Kumpel, gröhlend, scherzend und schwitzig-blutverschmiert, ledern gepanzert über nackter Haut. Da muss der Eimer Wasser her, bevor die beiden für den König die langen weißen Mäntel überziehen können.

Der Berliner Regisseur und Theaterleiter Andrej Woron, wie immer auch sein eigener Bühnen- und Kostümbildner, zeigt am Schauspiel Bremen Shakespears "Macbeth" als ein wüstes, dunkles Ritterspiel um Macht und Mord in einer Männerwelt. Grob, lautstark und eindeutig geht es zu. Die Männer sind ungepflegte Auftrumpfer aus einer fernen Kriegerwelt, als das wilde Geschlachte auch schon nicht mehr geholfen hat.

Ein wenig erinnert das an Katharina Thalbachs "Macbeth" am Berliner Schiller-Theater, doch bleibt die Ähnlichkeit äußerlich. Worons Sache ist nämlich die Komik nicht: Er inszeniert mit grimmem Ernst den ehernen Gang der Geschichte als Grobspiel. Da kann einer wie Macbeth König werden, also muss er König werden. Glücklich wird dabei niemand, das wissen wir von Anfang an. Da krochen sie nämlich schon aus dem Leichenberg, während eine klagende Frauenstimme durch den leeren Raum zog. "Fair is foul and foul is fair", sagen die Antreiber aus dem Unbewussten. Drei androgyne Hexen tauchen als wild zappelnde Theaterpuppen unter zotteligen Bärten aus dem Boden auf und wieder ab. Komische Figuren ohne Witz sind sie, nie werden sie ironisch ausgestellt (wie einst bei Thalbach), sie sind wie alle Figuren in Worons Inszenierung vor allem eines: laute, deutliche Theaterzeichen.

Metaphysisch oder geheimnisvoll ist in dieser Macbeth-Inszenierung nichts. Es dröhnt die dräuende Musik von Pawel Mykietyn, es wehen die Vorhänge und es schwanken und knarren die verschachtelten Bretterbühnen, die Woron auf der Bühne auffahren läßt. Das besitzt viel atmosphärische Kraft, auch wenn die Inszenierung manchmal zu scheppernd auftrumpft und zuweilen mehr als Rasputinade daher kommt. Das Ehepaar Macbeth ist sich immer wieder sichtlich erotisch erregt zugetan, wenn es über Pläne und Taten spricht. Und König Duncan, das Mordopfer, ist ein aufgedonnerter komischer Alter, der die Lady Macbeth betatscht und sich in seinen Reden und Handlungen oftmals verheddert.

Andrej Woron - in Bremen hat er bereits "Die Dreigroschenoper", den Marat/Sade und Verdis "Otello" inszeniert - versagt sich klugerweise jede direkte Aktualisierung und spielt den Machtkampf als historische Parabel. Eine Inszenierung von überdeutlicher Bildhaftigkeit: Mit schön choreografierter Kinderschar bei der lehrerhaften Lady Macduff, mit rhythmisch agierender Rittertruppe und einer Lady Macbeth (Gabriela Maria Schmeide), die als barfüssiges, kraftvolles Landmädchen mit langem Blondhaar daher kommt. Sie steckt den Finger träumerisch in den Pflaumenmustopf, kann aber auch genervt den Gatten anherrschen: "Du Schlappschwanz, du Versager."

Gespielt wird die Übersetzung von Thomas Brasch - doch deren knitteligen Witz vermag die mehr auf szenischen Rhythmus denn auf Sprachbewegung achtende Regie nicht hervor zu locken. Bei Woron ist eben alles eindeutig: Wenn Lady Macbeth angstvoll erregt in der Mordnacht ihr "Still, Still" herausschreit, richtet sie es direkt an die schnarchenden Wächter. Und der Dolch, der Macbeth in seiner Mordvision erscheint, schwingt am langen Seil wirklich blitzend vor seinen Augen.

Woron baut die Figuren als bewegte Plastiken in den Raum, er entwickelt sie nicht psychologisch, sondern stellt sie in Körperhaltungen eher aus. In den Hexenszenen werden in langer Reihe allerliebste Holzpferdchen über die Bühne gezogen. Einmal hängen die Hexen in langen, schlafsackähnlichen Monsterpuppen mit beweglichen Puppenmündern über den Erdboden: ein tolles Bild.

Die Inszenierung besitzt da ihre Stärken, wo die Bilder die Handlung nicht nur versinnlichen, sondern auch vorantreiben. Schwierig wird es aber im zweiten Teil der dreistündigen Inszenierung, wenn die Dialoge sich müde über die Bühne schleppen. Woron ist noch immer kein Regisseur der Worte, und mit Matthias Kleinert steht auch ein eher farbloser Macbeth auf der Bühne.

Jungenhaft offenes Gesicht, bart- und (fast) haarlos, so tobt dieser Mensch zielgerichtet, aber seltsam antriebslos und emotionsarm auf sein Ende zu. Erst wenn er im Schlusskampf mit Macduff zu dumpfer Resignation gefunden hat, ist auch der Macbeth Andrej Worons ganz bei sich angekommen. Das Ende ist dann wieder ein Anfang: Der Sohn des ermordeten Banco ergreift den im Bühnenboden steckenden Dolch. Der Kampf um die Macht wird weiter gehen.

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