Kultur : Männer ohne Herz

Das Ende der Mayas: Mit „Apocalypto“ vollendet Mel Gibson seine Trilogie der Grausamkeit

Sebastian Handke

Sein ganzes Leben trage er bereits Wut in seinem Herzen. Eine tiefe, dunkle Wut. Im Sommer war Mel Gibson angetrunken in eine Polizeikontrolle geraten und hatte in einer wüsten Tirade antisemitischer Beschimpfungen die Juden für die Kriege dieser Welt verantwortlich gemacht. Wer in Gibsons „Passion Christi“ antisemitische Tendenzen ausgemacht hatte, durfte sich bestätigt fühlen. Der fromme Katholik tat Buße in einem erbarmungswürdigen Akt öffentlicher Selbstgeißelung: Der Alkohol, die Wut im Herzen, so sagte er im Fernsehinterview, das müsse endlich ein Ende finden. Es half nichts. Gibson war zum Outcast des Hollywood-Systems geworden.

Man darf es wohl als eine Form von persönlichem Exorzismus verstehen, wenn nun zum Höhepunkt seines neuen Filmes einem Mann bei lebendigem Leib das Herz herausgeschnitten wird. Gibson zelebriert die grausige Szene: Der arme Mann lebt noch lange genug, um sein eigenes, schlagendes Herz in den Händen des Opferpriesters zu sehen; der Film macht sich gar seinen Blick zu eigen, bevor ihm das Haupt abgetrennt und eine lange Pyramidentreppe hinabgeschleudert wird, zu Füßen des wogenden Maya-Volkes, das sich gleich daranmacht, den Kopf auf einen der dafür vorgesehenen Pfähle zu stecken. Der Rumpf des Mannes wird auf eine riesige Leichenhalde hinter der Stadt geschleppt. Keine Frage: Gibson hat sich ein Herz gefasst und alle Wut auf die Leinwand geworfen. „Apocalypto“ ist ein rohes Biest von einem Film.

Ein Jahr lang jagte er 700 Statisten, Laien und Schauspieler durch den Dschungel Süd-Mexikos, um die Welt der nachklassischen Maya nachzustellen. Ein strapaziöses und einzigartiges Unterfangen, mit dem er seinem eigenen Land die Leviten lesen will: Kulturen gehen unter, sagt Gibson, und meist sind sie selber schuld. Er hat sein Werk daher mit einem drohenden Titel versehen und einem aussagekräftigen Motto: „Eine große Zivilisation lässt sich nur von außen erobern, wenn sie sich von innen schon selbst zerstört hat.“ Herausgekommen ist allerdings nur dies: ein Held, zwei üble Bösewichte und die Jagd durchs Gestrüpp.

Das angekündigte Epos vom Niedergang einer Hochkultur entpuppt sich als klassischer Survival-Thriller – Anthropologen und Maya-Nachfahren beschweren sich über rassistische Klischees. In den USA lief „Apocalypto“ am Wochenende an und ließ mit 14,2 Millionen Dollar Einspiel die anderen neuen Filme hinter sich – wohlgemerkt mit Untertiteln und ohne Stars. Das Publikum war offenbar weniger beeindruckt von Gibsons Entgleisungen, als er selber befürchtet hatte, und es ist empfänglicher für andersartige Filme, als die Studios gemeinhin glauben. Die Kritik zeigt sich begeistert und abgestoßen zugleich: Es gibt Lob für Gibsons Talent als Filmemacher, zugleich ist man irritiert von der Gewalthaltigkeit seines Filmes. Die Auferstehung Gibsons dürfte aber auch Sorge auslösen: muss man ausgerechnet ihm womöglich noch einen Oscar zugestehen?

Zumindest diese Sorge erübrigt sich, wenn man den inhaltlich eher schlichten Film gesehen hat: Abseits der Maya-Städte lebt Pranke des Jaguars in einer Dorfgemeinschaft, die sich mit Schabernack und Tapirjagd friedlich die Zeit vertreibt. Eine Horde städtischer Holcane-Krieger setzt der Idylle ein blutiges Ende und verschleppt überlebende Männer in die Stadt, wo oben genanntes unerfreuliches Schicksal auf sie wartet. Pranke des Jaguars hat allerdings Frau und Kind noch in einer Erdspalte verstecken können. Er muss rechtzeitig zurück sein, bevor sie im eindringenden Regenwasser ertrinken.

Pranke des Jaguars entkommt, gerade als sein Herz an der Reihe wäre. Die Jagd kann beginnen. Mel Gibson entfesselt ein wuchtiges Fluchtspektakel: Die Kamera fliegt geradezu durchs dichte Blattwerk, den athletischen Körpern hinterher. Es gibt wildwüchsige Natur, gefährliche Tiere, großartige Bauten, exotische Details – das ganz große Besteck also, und Gibson versteht es, seine Mittel so wirkungsvoll wie konventionell zum Einsatz zu bringen (etwa mit effekthascherischen Zeitlupen). Ungewöhnlich auch die Wahl indigener, kaum kameraerfahrener Darsteller: Solche Gesichter und solche Bewegungen sieht man im Kino selten. Hauptdarsteller Rudy Youngsblood etwa hatte es besonders schwer: Wo nur wenig – und wenn, dann in Yucatec – gesprochen wird, muss er vor allem mit Blicken arbeiten.

Der Nervenkitzel von „Apocalypto“ verdankt sich seiner Perspektive: Wie der ahnungslose Held ist der Zuschauer in einen Film geworfen, der nichts erklärt. Das steigert zwar den Effekt, alles ist schnell, fremd und gefährlich – aber auch ohne Sinn. Das vorangestellte Motto des Historikers Will Durant ist der einzige Hinweis darauf, dass es um mehr gehen soll als einen Ethno-Thriller. Zu sehen sind Wilde, die zwischen Pyramiden leben, und Wilde, die im Dschungel sind. Sie haben alle gleich schlechte Zähne.

Uneingelöst bleibt der ganze Überbau, den Gibson seinem Film vorausschickt als Parabel auf den Zustand der Vereinigten Staaten (oder des Westens überhaupt). So wenig Pranke des Jaguars einen Begriff haben kann vom Niedergang, so wenig kann ein Film einen Begriff davon haben, der sich dessen beschränkten Blick zur Perspektive macht. Eine Gemeinschaft, von der wir nur barbarische Rituale aus der Sicht des Opfers sehen, nicht aber Astronomie, Agrikultur, Politik und Baukunst, hat keine Fallhöhe. Sie kann daher gar nicht niedergehen.

Was den Film dann trägt, ist vor allem die bange Erwartung des nächsten Splatters. Menschen werden erschlagen und geschlachtet, zerschmettert und durchbohrt, enthauptet und gepfählt, aufgespießt, ausgeweidet, ertränkt, vergiftet und erhängt sowie von einer Klippe gestoßen und von einem Jaguar ins Gesicht gebissen. „Apocalypto“ reiht Variationen des Umkommens in rasender Fahrt und mit geradezu enzyklopädischer Gründlichkeit aneinander. Der Blick des Regisseurs weidet sich gierig an allem, was spritzt und bricht (Sex dagegen bleibt peinlich verborgen). Das Versehren maskuliner Körper – die Passion Gibsons, ja, seine Obsession.

Dieser Film hat ein ausbeuterisches Verhältnis zu seinem Gegenstand. Früher nannte man solches Filmschaffen Exploitation. Jetzt, da nach den Leiden des „Braveheart“ und der Christus-Figur die Trilogie männlicher Mühsal komplett ist, darf man festhalten: Mel Gibson ist ein mit Arthouse-Wassern gewaschener Exploitation-Regisseur. Er ist es aber nicht auf verspielte oder gar ironische Weise, sondern mit wütender Ambition.

„Apocalypto“ ist ein prätentiöser, atemberaubender B-Movie, der Tiefe behauptet, wo keine ist. Wenn die Jagd vorbei ist und man einen erschöpften Blick zurückwirft, erkennt man erst, wovon man sich da die vergangenen zweieinhalb Stunden hat hetzen lassen. Es ist die Pranke des Gibson – enthemmt, aufgemuskelt und zutiefst sadistisch.

Ab Donnerstag in 14 Berliner Kinos; englische Untertitel im Cinestar Sony-Center

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