Kultur : Männer rauchen Frauen:Sex in Dosen

Birgit Kleber, den Lesern des Tagesspiegels als Portraitfotografin lange vertraut, geht es in ihren jüngsten freien Fotoarbeiten um Sexualität. Nicht um den Akt als solchen, sondern um die Zuschreibung von Geschlechterrollen, wie sie sich in visuellen Kodierungen festmacht. "Sexe", das französische Wort für Geschlecht, gibt den Titel für ein sechsteiliges Tableau, farbig, die Abzüge je einen Meter im Quadrat. Je drei Bilder zeigen einen Mann und eine Frau. Der Mann bedient in seiner Haltung die gängigen Klischees des starken Geschlechts, er sitzt breitbeinig und zigaretterauchend auf dem Bett, cool mit Lederjacke posiert er auf der Kühlerhaube eines Schrott-Mercedes oder präsentiert sich business-like im grauen Anzug im Sessel. Was an den Bildern irritiert, ist die Androgynität des Gesichts. Es sieht dem der Frau auf den anderen drei Bildern ziemlich ähnlich. Auch sie ist in den typischen Posen der Weiblichkeit fotografiert, als Vamp in rosa Abendkleid mit Zigarettenspitze, im Schuhgeschäft und im Unterrock. Tatsächlich handelt es sich bei beiden um Transsexuelle. In ihrer Ausstellung in der Staatlichen Galerie Moritzburg in Halle (Friedemann-Bach-Platz 5, bis 15. August, Dienstag 11 - 20.30, Mittwoch bis Sonntag 10 - 18 Uhr, Katalog 38 Mark) hat Birgit Kleber die von ihr fotografierten Attribute der Geschlechtszuschreibung gleich vis-à-vis gehängt: Stöckelschuhe, BH, Dessous, Handtasche für die Frau, Zigarre und schwarze Socken mit eingesticktem Pin-up für den Mann. Die visuelle Attribution des Geschlechts funktioniert damit auch kontrafaktisch. Denn der Mann auf den Bildern ist eine Frau und die Frau ist ein Mann. Was die Geschlechtlichkeit der Person ausmacht, kommt von innen und verkörpert sich. Deshalb die Irritation, die mit Transvestiten so nicht funktioniert hätte. Birgit Kleber hat es versucht. Denn es geht in "Sexe" nicht um Verkleidung, sondern darum, das innere Selbst zur Schau zu stellen. Daß die geschlechtlichen Zuschreibungen schließlich auch ohne den wirklichen Menschen funktionieren, zeigen Klebers Aufnahmen einer Sexpuppe, die mit ihren Pornoposen das Geschlechtliche in den Bildmedien als Fiktion entlarvt. Das Verborgene am Menschen zu zeigen, das, wo der Körper nur Ausdruck einer unsichtbaren Qualität des Menschen, ja des Menschlichen, überhaupt wird, das ist das große Thema bei Birgit Kleber. Um diesen Ausdruck mit der Kamera hervorzulocken, muß die Fotografin nur wenig inszenieren, mehr als das aber muß sie mit ihren Modellen kommunizieren. Je nachdem welche der Gefühle und Regungen Kleber aufnehmen will, wechselt die Strategie. Bei den "Frauen im Hotel", alle im Unterrock auf dem Bett eines Hotels mit direktem Blick in die Kamera erfaßt, führten die strenge Form und die klaren Anweisungen der Fotografin zum Ausdruck einer inneren Anspannung, die das existentielle Gefühl des Unbehaustseins wiedergibt, das Kleber suchte. Die extreme Steigerung der existentialistischen Daseinserforschung mittels Kamera sind Klebers Portraits schlafender Frauen: Nach einem gemeinsam verbrachten Abend hat die Fotografin gewartet, bis ihre Modelle zu Bett gegangen und fest eingeschlafen waren. Erst dann hat sie fotografiert. In ihrem Verlangen nach Durchdringung der Oberflächlichkeit ist Kleber hier am weitesten durchgedrungen. Der unverstellte Ausdruck der schlafenden Gesichter verrät höchste Intimität. Ähnlich funktionieren auch die Aktaufnahmen einer posierenden alten Frau mit ihrer schon faltigen Haut. Kleber gelingt es, die sonst so abgedroschene Phrase "Schönheit kommt von innen" visuell zu bestätigen. Der Ausdruck der Frau zeigt: Sie fühlt sich schön, und deshalb zeigt sie sich. Die Zurschaustellung der nackten Alten als Versuch des Tabubruchs wäre nichts als eine oberflächliche Lesart. Ihre ironische Seite zeigt die Fotografin schließlich mit ihrem Triptychon zu den Nationalfarben "Schwarz/Rot/Gold". Kleber illustriert die deutsche Identität an den Portraits dreier Frauen: einer Schwarzhaarigen, einer Rothaarigen und einer Blondine. Das abstrakte Symbol füllt sich mit Leben. Bunt wird das Volk, und der Alleinvertretungsanspruch der blonden Germania hat ausgedient.

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