Kultur : Männer und ihr Milieu

Kai Müller

Manche Menschen machen eine Zeit lang alles richtig. Sie sind so wunderbar unverschämt, mutig und selbstverliebt, dass nichts in dieser Welt sie zu stoppen vermag. Norbert Grupe war so einer. Er stolzierte mit Zigarre, Gehrock und Regenschirm über den Jungfernstieg, auf dem blonden Haupt einen Homburger-Hut, und ignorierte die bewundernden Blicke der Damen. Er liebte den Snobismus - denn der verhöhnte die krämerische Herablassung, mit der das Establishment den Aufstieg von Leuten wie seinesgleichen zu honorieren pflegte. Lediglich eine kleine Narbe über dem linken Auge deutete an, dass der Mann, der sich Prinz Wilhelm von Homburg nannte, sein Geld auf wenig elegante Weise verdiente: mit den Fäusten.

An die Kämpfe, die Grupe Mitte der sechziger Jahre in Deutschland absolvierte, kann er sich selbst kaum noch erinnern. In Gerd Kroskes Dokumentarfilm "Der Boxprinz" bittet er stattdessen darum, seine Shorts zu beachten ("breitschwanz in Schwarz mit weißem Nerz abgesetzt"), die mehr noch als der K.o-Sieg gegen Archie BcBride für Aufsehen gesorgt hätten. Viele Boxer enden als müde Gestalten, doch vor Kroskes Kamera sitzt ein Reptil. Dieser Mann soll "das Glamouröseste" sein, "was das deutsche Profiboxen jemals hervorgebracht hat", wie in einem Boxführer zu lesen ist? Mit einem alten VW-Bus zuckelt der 61-Jährige heute über die Highways seiner Heimat Los Angeles, besucht ein Fitness-Studio, das er seit Ewigkeiten nicht mehr betreten hat, und spricht bei einem Casting vor. Obwohl er einst neben Marlon Brando und Yul Brynner spielte und in Werner Herzogs "Stroszek" auftrat, wird er meist in zweitklassigen Produktionen als Bösewicht besetzt.

Für Gerd Kroske ist der Prinz ein Idol gewesen, ein Glücksritter. Seine Exzentrik machte den Boxsport mit der Pop-Ära bekannt: "Box-Beatle" wurde er gerufen, nicht nur wegen seiner langen Haare. Ihm war etwas Rebellisches eigen: Wo immer er auftrat, provozierte er einen Skandal. So neigte er dazu, das Publikum mit abfälligen Gesten gegen sich aufzubringen, bis jeder im Saal ihn gedemütigt sehen wollte. Diese Hitze brauchte er. TV-Geschichte schrieb er 1969, als er im "Aktuellen Sportstudio" so beharrlich schwieg, dass der Moderator Rainer Günzler die Begegnung nach wenigen Minuten entnervt beendete. Es war eine grandiose Verweigerung.

Doch irgendetwas muss dem enfant terrible die Kraft genommen haben. War er doch kein Kämpfer, sondern bloß Helden-Darsteller, der sein Talent für ein bisschen Spektakel und die Bekanntschaft von St. Pauli-Größen missbrauchte, die ihn allmählich in ihre Machenschaften verstrickten. Ehemalige Weggefährten aus dem Milieu beeilen sich vor der Kamera, Grupe/von Homburg als einen guten Menschen darzustellen, der nur eben nichts aus sich gemacht habe. Ob es ihm Leid tue um den verpassten Europameister-Titel, wird er selbst gefragt. "Quatsch", lautet die Antwort, "um die Kohle." Als Titelverteidiger hätte er alles auf seinen Herausforderer gesetzt, sagt der Komödiant - und sich gekonnt auf die Bretter gelegt.

So ist der Film auch kein Denkmal, nicht einmal eine Ehrenrettung. Er beschreibt mit bewundernswerter Offenheit die Ambivalenz eines Milieus, das Schläger verehrt, aber niemanden liebt.

Blow Up, Central, Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz und Moviemento

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