Kultur : Männerliebe ohne Ende

Skandal beim „Klassentreffen“ im Theater am Kurfürstendamm

Christoph Funke

Das schwule „Klassentreffen“, im letzten Jahr in der Regie des Autors Klaus Chatten in Stuttgart uraufgeführt, traf in Berlin auf ein merkwürdig aufgeregtes und zumindest in Teilen offensichtlich auch besonders reizbares Publikum. Bis zu kindischer Albernheit hochgetriebene Lacher und rüde Aufforderungen an die Hauptdarsteller, sich auszuziehen, gipfelten kurz vor Schluss in der volltönenden Protestrede eines einzelnen, erregten Moralapostels. Der beschimpfte Schauspieler und Politiker der Regierungsparteien – offensichtlich angestachelt durch die zeitweilige Anwesenheit des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (der dann zu „Christiansen“ musste). Der Pöbler wurde kurz vor Ausbruch eines Tumultes aus dem Saal gebracht.

Worum geht es in Chattens Stück? Irgendwo im Grünen, unweit einer Gaststätte, haben Nik und Alex, zwei Männer mittleren Alters, ihr gerade stattfindendes „Klassentreffen“ verlassen. Sie waren Freunde während Kindheit und Schulzeit und begegnen sich nun zum ersten Mal nach langer Zeit wieder. Ein Geheimnis soll aufgedeckt werden. Nur einer von ihnen kennt es, der andere wird davon überrumpelt – weil er das Bekenntnis zum Schwulsein hinter sich hat. „Was ist denn Lieben“, fragt Nik, der Erfolgreiche, Einsame, aus Kalifornien zum Klassentreffen Angereiste. „Jemanden lieben heißt, mit jemandem alt zu werden, ohne jemals alt zu sein“, antwortet Alex, verheiratet, drei Töchter, im Polizeidienst stehend. Und bekennt sich endlich zu Nik als dem einzig möglichen Partner einer solchen Liebe.

Der Springteufel und der Polizist

Drastische Jugenderinnerungen holen die beiden hervor, ohne Scham vor den einstigen pubertären Abenteuern, und sie stürzen sich in die Musik- und Fernsehbegeisterung von früher wie in einen tiefen Schacht. Dabei versuchen Nik und Alex behutsam und zögernd zu deuten, zu erklären, zu beschreiben, was ihnen, wenn auch in sehr unterschiedlicher Weise, zu schaffen gemacht hat – die sexuelle Orientierung.

Regisseur Martin Woelffer musste sich den Bedingungen des Riesenraums unterwerfen – der mitunter fast scheuen Intimität des Gesprächs tat das nicht gut. Bühnenbildner Rico Greese hatte in die ersten Reihen des Parketts hinein die Sandkastenfläche rechteckig vorgebaut, was die Sichtverhältnisse für die auch zum Teil seitlich sitzenden Zuschauer erheblich verschlechterte. Dirk Bach und Thorsten Nindel mussten, wie auf einem Riesentablett serviert, vergröbern und zuspitzen. Aber sie schlugen sich sehr achtbar. Dirk Bach stattete Nick mit quirliger Beweglichkeit aus, als ein wahres Springteufelchen. Er zeigte den Erfolgreichen heiter, gelassen, überdreht – und machte zugleich deutlich, wie angelernt, wie verlegen diese glanzvolle Überlegenheit im Grunde ist. Thorsten Nindel gab dem Polizisten Alex sehr Kantiges, gezwungen Ruhiges. Er zeigte einen Menschen, der sich der Disziplin verschrieben hat und noch immer amüsiert, nachdenklich, befremdet staunt, was ihm im Leben begegnet.

Vorstellungen heute und bis 30. September.

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