Kultur : Männlein in der Manege

Der Maler Johannes Grützke wird mit dem Hannah-Höch-Preis geehrt – und mit einer Schau im Stadtmuseum.

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Schrecklich amüsant. „Unser Fortschritt ist unaufhörlich“, ein Gemälde aus dem Jahr 1973. Foto: Jörg P. Anders, © VG Bild-Kunst, Bonn 2012
Schrecklich amüsant. „Unser Fortschritt ist unaufhörlich“, ein Gemälde aus dem Jahr 1973. Foto: Jörg P. Anders, © VG Bild-Kunst,...

Das Leben eines Künstlers kann viele Höhepunkte haben. Aber eines erreicht es nur einmal: den Gipfel. Eine der schönsten Heldengeschichten der jüngeren Kunstgeschichte handelt davon, wie Johannes Grützke im Jahr 1972 zusammen mit seinen Freunden von der „Neupreußischen Empfindungsgesellschaft“ den Schöneberg bestieg. Ein Haufen Männer und Frauen, Pelz über den Ohren, an den Füßen dreifache Wolle, machte sich an einem kalten Wintertag auf den Weg in schwindelnde Höhen. Der Aufstieg erfolgte natürlich über die Nordwand. „Mit bergfestem und höhenerprobtem Gerät, mit lastentragendem Getier erreicht die Seilschaft – auf gelegentlichem Zwischenbiwak gut erholt – den Gipfel“, notierte damals ein Teilnehmer der Expedition, der Schriftsteller Rudolf Lorenzen. „Ein Gedenkstein wird gesetzt, eine Eiche gepflanzt, steinhart ist der Boden, trutzt der pickelharten Arbeit.“ Anschließend begann der Abstieg.

Eine Aktion aus dem Geist von Dada, die typisch ist für das Werk von Johannes Grützke. Seine Gemälde dokumentieren einen virtuosen Naturalismus, der in der Tradition des theatrum humanae vitae steht. Die Menschen sehen bei ihm zwar höchst individuell aus, aber sie alle spielen Rollen in diesem barocken Welttheater. Der größte Rollenspieler und Posierer ist dabei Grützke selbst. In der Grützke-Ausstellung im Ephraim-Palais wird der Besucher von sechs großformatigen Selbstporträts begrüßt. Da trägt der Künstler ein Baby auf dem Arm, stemmt ein Tablett in die Höhe, wobei ihm seltsamerweise Brüste gewachsen sind, und tanzt in dreifacher Ausführung unter dem Motto „Die Riesen kommen“ eine Art Körperballett. Eine Nahansicht präsentiert sein monumentales Gesicht, das nur aus Augen, Nase, Mund besteht.

Grützke ist ein malender Forscher, der sein Augenmerk mit nie nachlassender Neugier auf das Spiel des Lichts auf der Haut oder die Anspannung der Muskeln darunter richtet. Fleischlichkeit malt er mit Inbrunst, seine Kunstfertigkeit darin erinnert an Alte Meister wie Menzel oder Rubens. „Ich sehe meine eigenen Bildern gerne“, sagte er am Donnerstag bei der Präsentation der Ausstellung vor der Presse. „Ich male nicht für jemanden, ich habe keine Zielgruppe vor Augen, nur mich.“ Im letzten Jahr war Grützke, 75, mit einer Retrospektive im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg geehrt worden, der Stadt, in der er lange als Professor Malerei unterrichtet hatte.

Nun ist er vom Land Berlin mit dem Hannah-Höch-Preis dekoriert worden, und die damit verbundene, vom Stadtmuseum ausgerichtete Ausstellung wirkt wie eine Wiedergutmachung. Denn in Berlin, wo er 1937 zur Welt kam, ist Grützke zwar längst eine Instanz. Aber Museumswürden wurden ihm hier erst zweimal zuteil, 1984 in der Neuen Nationalgalerie und 2007 im Georg-Kolbe-Museum. „Die ganze Welt in meinem Spiegel“ heißt die Ausstellung im Ephraim-Palais, die mit rund 200 Exponaten einen Überblick über das Werk des Künstlers in den letzten fünf Jahrzehnten verschafft. Grützke gehöre „zu den bedeutendsten figurativ arbeitenden Künstlern in Deutschland“, sagte Kurator Dominik Bartmann. Womit er sogleich eine Gegenfrage aus dem Auditorium provozierte: „Warum nur in Deutschland?“

Erstmals zu sehen sind Linolschnitte aus den späten fünfziger, frühen sechziger Jahren, auf denen der Kunststudent in expressionistischer Manier die Stadt Berlin abbildet. Brandmauern, Savignyplatz, eine Eisenbahnbrücke, ein Rummel mit Riesenrad und „Walzer Bob“. Unbeholfene Anfänge, aus denen eine Meisterschaft in den grafischen Künsten erwuchs, die Mappenwerke wie „Aus dem Leben des Marquis de Sade“ oder „Bei Prometheus zu Hause“ bezeugen. „Goethe Verlag“ nannte Grützke selbstbewusst sein Buchkunstunternehmen, das er mit dem Freund Tilmann Lehnert gründete.

Grützke ist nie auf die Barrikaden geklettert, aber gerne hat er andere bei ihren revolutionären Verrenkungen beobachtet. Seine „Darstellung der Gewalt der Empfindung“ aus dem Epochenjahr 1968 zeigt eine Frau im entschlossenen Marschschritt, gefolgt von drei Männern, die einen zappelnden Körper tragen. Ihre Münder sind aufgerissen, als würden sie ein Lied singen oder Parolen skandieren. Vier Jahre später, 1972, steigen bei der „Darstellung der Freiheit“ zwei händchenhaltende Männlein einer hochhackig beschuhten Nackten hinterher, aus deren Handtasche Konsumkram herauspurzelt. Ein Männlein sieht aus wie Grützke.

Höhepunkt der Identifikation mit dem Geist der Revolte ist das Gemälde „Benno Ohnesorg greift zum Gewehr“, auf dem ein Grützke-Double eine Waffe aus dem Kofferraum zieht. Was folgt, ist infernalisches Gelächter. „Unser Fortschritt ist unaufhörlich“ lautet der Titel des Bildes, auf dem zwei mit einem Spielzeugflugzeug hantierende Kindsköpfe sich kringeln vor Vergnügen. Hinter und über ihnen: ein Himmel voller Wolken. Grützke schildert das Alltagsdasein als Heldenkampf. In den verzerrten Zügen seiner Figuren hat sich der permanente Ausnahmezustand tief eingegraben.

In einer Zeit, in der sich viele andere Künstler von der Malerei abwandten und nur noch Konzepte gelten ließen, fand Johannes Grützke die Zukunft in der Vergangenheit. Zusammen mit Manfred Bluth, Matthias Koeppel und Karlheinz Ziegler hob er 1973 die „Schule der Neuen Prächtigkeit“ aus der Taufe, eine Neuauflage der Künstlerbünde des 19. Jahrhunderts. Schauplatz der Gründung war sein Atelier in der Wilmersdorfer Güntzelstraße, in dem er bis heute arbeitet. Im selben Jahr feierte Grützkes Drama „Die Maßregelung auf dem Floß der Medusa“ Premiere. In dem Theaterstück buhlen Grützke und seine Freunde um die Gunst der akademischen Malerfürsten Eduard Gaertner, Max Klinger, Adolph Menzel und Anton von Werner. Die Avantgardisten Beuys, Chagall, Kandinsky und Nay werden kurzerhand über Bord geworfen.

Gegen die Behauptung, er sei bloß Abbilder der Wirklichkeit, hat Grützke sich immer verwahrt. In seiner Malerei gehe es weniger um Gegenständlichkeit als um „Gedankenkunst“. Zu einer solchen Kunst gehört die Möglichkeit der Revision. Auf dem Bild „Prometheus zerstört seine Entwürfe“ schleudert Grützke Stummelfiguren auf den Boden. Ein Berserker macht reinen Tisch. Er ist äußerst wütend.

Ephraim-Palais, bis 17. Februar, Di, Do–So 10–18, Mi 12–20 Uhr.

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