Kultur : Märchen von der grünen Schlange

Ende gut: Das Umweltbundesamt eröffnet in Dessau seinen ökologischen Büroneubau

Michael Zajonz

Dass das Dessauer Bauhausgebäude in seinem Inneren ziemlich bunt war, förderten die Restauratoren erst während der laufenden Sanierung zutage. Schritt für Schritt wird die schwarz-weiße Ikone der klassischen Moderne in ihren farbigen Originalzustand versetzt.

Einen guten halben Kilometer weiter östlich entstand in den letzten Jahren ein architektonisch ebenbürtiges Gebäude, das sein farbenfrohes Temperament selbstbewusst nach außen kehrt. In 33 verschiedenen Tönen, von blassem Orange über Rot und Blau bis zu sattem Grün, leuchten die Fassadenpaneele aus bedrucktem Glas am neuen Dienstsitz des Umweltbundesamtes (UBA) in Dessau.

Das in Berlin ansässige deutsch-britische Architektenpaar Matthias Sauerbruch und Louisa Hutton taufte sein jüngstes Werk treffend „Schlange“. 800 Büros winden sich auf vier Etagen um einen glasgedeckten Innenhof. Der teilt sich in ein öffentliches Forum mit Hörsaal und Bibliothek und das den Mitarbeitern vorbehaltene Atrium. Brücken und Passagen zur internen Erschließung, raffinierte Durchblicke durch die „gläsernen“ Büros und nicht zuletzt die nach innen gezogene Lärchenholzverkleidung der Fensterbrüstungen sorgen für ein bemerkenswert einheitliches Raumerlebnis – sobald man das nie ganz zu überblickende, mehrfach geknickte Hof-Gebilde vom Forum aus betreten hat.

Jetzt wurde der 68,3 Millionen Euro teure ökologische Musterbau des UBA nach sieben Jahren Planungs- und Bauzeit feierlich eröffnet. Dabei überboten sich die angereisten Bundesminister Manfred Stolpe und Jürgen Trittin, Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer, Dessaus Oberbürgermeister HansGeorg Otto und UBA-Präsident Andreas Troge bei ihren flotten Vergleichen mit dem Bauhaus. Das war 1926 allerdings nach nur 20 Monaten Bauzeit eingeweiht worden.

Das Umweltbundesamt, das jährlich 110000 Bürgeranfragen in Sachen Umweltschutz bearbeitet, wurde 1974 in Berlin gegründet und hatte sich dort häuslich eingerichtet. 1992 entschied die Föderalismuskommission jedoch, die Behörde als Ausgleich für den Hauptstadtbeschluss nach Sachsen-Anhalt umzusiedeln. In Berlin bleiben auch nach dem Umzug ins 120 Kilometer entfernte Dessau mehrere Hundert Arbeitsplätze erhalten. Und über 80 Prozent der 750 nach Dessau umgesetzten Mitarbeiter wollen – wenig umweltbewusst – vorerst pendeln.

Der erste in Dessau vorgeschlagene Standort, ein am Stadtrand gelegenes ehemaliges Kasernengelände, gehörte zwar dem Bund, schien aber wenig verlockend. Erst Dessauer Bürgerinitiativen machten auf das historische Gasviertel aufmerksam: eine nahe dem Hauptbahnhof gelegene Industriebrache, die Raum für einen repräsentativen Neubau bot.

Das städtebauliche Umfeld könnte heterogener kaum sein. Zwischen Bahngleisen, Stadtvillen und einem DDR-Bürohochhaus klemmt das unregelmäßig geschnittene Grundstück, das vor Baubeginn die „Atmosphäre eines Tarkowskij-Films“ (Matthias Sauerbruch) besaß. Es war durch Altlasten so schwer verseucht, dass allein 3000 Kubikmeter Erde ausgetauscht werden mussten. Nur wenige Relikte der historischen Industriekultur konnten erhalten werden. Dazu gehört der alte Kopfbahnhof der Dessau-Wörlitzer Eisenbahn, dessen Spielzeugcharakter nun ein wunderbar frecher Anbau akzentuiert. Weniger gelungen ist das Freiraumkonzept der Berliner Landschaftsarchitekten von „STraum a“, das mit Starenkästen in Spontanvegetation über das ökologische Ziel hinausschießt.

Sauerbruch und Hutton, die ihrem Bürostandort Berlin mit dem Photonikzentrum Adlershof und dem GSW-Hochhaus zwei herausragende Hightech-Architekturen beschert haben, gewannen den europaweiten Wettbewerb 1998 mit einem konsequent ökologischen Konzept. Erstmals wurde eine Büromaschine mit 800 Einheiten und etlichen Zusatzfunktionen mit einem Energiekonzept ausgestattet, das beim Heizwärmebedarf zwischen den Standards von Niedrigenergie- und Passivhaus liegt. Die derzeit gültige Energieeinsparverordnung wird um 40 Prozent unterschritten: Werte, die sonst nur ökologische Einfamilienhäuser erreichen.

Herzstück der Haustechnik ist eine Erdwärmetauschanlage, für die Betonröhren tief ins Erdreich getrieben werden mussten. Im Sommer kühlt und im Winter wärmt die überall zirkulierende Erdluft mit konstanten 16 Grad die Raumluft vor. Gegen alle Gewohnheiten des Bürobaus verstoßen auch die Außen- und Hoffassaden der „Schlange“, die aus Holzrahmenelementen mit Zellulose-Dämmung bestehen – die Brandschutzbestimmungen gestatten dergleichen gewöhnlich nicht.

So arbeiten die UBA-Angestellten als Avantgardisten des post-postindustriellen Büroalltags inmitten ökologischer Baustoffe, umspült von gesundem Raumklima. Und wenn sie sich zehn Minuten nicht bewegt haben, geht automatisch das Licht aus – um Strom zu sparen. Bundesumweltminister Trittin ist zufrieden: „Im Umweltbundesamt findet der Büroschlaf mit Sicherheit im Dunkeln statt.“

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