MärzMusik : Ostwärts die Sonne

"Klangraum Mittelmeer": Zum Abschluss der Berliner Märzmusik erklingen auch türkische Töne.

von

Was ist noch neu an der Neuen Musik? Diese Frage stellt sich automatisch, wenn man wie die Dramaturgen der Berliner Festspiele die Frage aufwirft, wie es wohl im türkisch-arabischen Mittelmeerraum darum bestellt ist. Nicht umsonst bezeichnet sich ja die MärzMusik selbst als „Festival für aktuelle Musik“ – es scheint nicht mehr nach Progressivität um jeden Preis gefragt zu werden.

Im dritten Teil des Festivals, das am Sonntag zu Ende ging, wurde schnell deutlich, dass es darum auch gar nicht gehen kann. Denn die Frage nach Neuer Musik mit dem großen N entpuppt sich ja bereits als westliche Prädisposition, weil sich dieser Gattungsbegriff aus europäischen Traditionen entwickelte. In der arabischen Welt, das zeigten sowohl die aufgeführten Werke als auch das eingebettete Symposium, ist man selbstbewusst genug, sich mit dem Begriff überhaupt nicht in Beziehung zu setzen.

Der Musikethnologe Martin Greve vom Orientinstitut Istanbul weist zum Beispiel eindrucksvoll nach, dass traditionelle und moderne Elemente in der Türkei in eine schier unüberschaubare Mixtur verschiedenster Stilrichtungen zusammenfließen und in der Kombination das eigentlich Neue liegt. Das Spektrum der Musikschaffenden scheint im arabischen Raum deutlicher weiter gefasst, weil die Zugehörigkeit zu bestimmten Schulen oder Dogmen irrelevant bleibt.

Es bestehen auch keine Berührungsängste zwischen traditioneller Kultur und kunstmusikalischer Avantgarde, weil man die Trennung zwischen diesen Welten als eher befruchtend begreift. Nicht selten allerdings müssen offenbar avantgardistische Tendenzen mindestens gegen institutionelles Misstrauen verteidigt werden, wie der Schweizer Kulturjournalist Thomas Burkhalter berichtet.

Mag es einerseits nicht leicht sein, gegen Konventionen anzukämpfen, stößt andererseits die dann doch traditionelle Verwurzelung im Westen auf Skepsis. Man will keinen „Orientalismus 2.0“, wie es der in London lebende Komponist Seth Ayyaz ausdrückt, aber für Inspirationen ist die ermüdende Neue-Musik-Welt nur umso dankbarer.

Dabei wäre doch angeraten, fordert der in Berlin lebende Samir Odeh-Tamimi, nach der nationalen Herkunft gar nicht mehr zu fragen, sondern die Komponisten auf Augenhöhe ernst zu nehmen, zumal wenn sie sich wie er in Europa zu Hause fühlten. Kurz: ob also nicht das Thema „Klangraum Mittelmeer“ schon geografisch und kulturell zu stark eingegrenzt sei.

Sein Werk „Madih“ stellt folgerichtig die Integration von westlicher und arabischer Musikkultur auf die Probe, verquickt europäische Kammerinstrumente mit Qanun, Oud und Nay zu einem „Lobgesang“ – mit sufistischen Wurzeln. Traditionelle Skalengrundlagen werden durch imitierendes Zitieren anverwandelt, nationale Identität spielt hier keine Rolle mehr. Odeh-Tamimi vollzieht viel mehr ganz natürlich in der „Kunstmusik“, was in der Tradition bereits angelegt ist: die ständige Bewegung der Improvisation, mit der man gar nichts Neues im Sinne eines schöpferischen Aktes erschaffen will.

Überhaupt fällt auf, wie stark die arabischen Wurzeln auch in der „avantgardistischen Moderne“ der Kompositionen zutage treten, ohne dabei folkloristisch zu sein. Ob in Hamza el Dins „Escalay“, Amr Okbas „Instability“ oder Iyad Mohammads „Zwei Wiegenliedern für Abraham“ – eine nahöstliche Klangwelt lässt sich überall heraushören, aber sie dominiert nicht. Was die Werke eint, ist die motivische Zerklüftung, das Versatzstückhafte, lange Pausen, raunzerhaftes Geräuschtupfen, all das Angedeutete, aus dem Nichts Aufbrausende und im Nichts Verklingende. So kurz die Einsprengsel aufleuchten, so deutlich beweisen sie doch ihre mikromelodiöse Textur. Nur selten arbeiten die Kompositionen mit weit ausgreifenden Klangflächen.

Der angenehmste Eindruck der vom ensemble unitedberlin unprätentiös vorgetragenen Werke ist der eines undogmatischen Avantgardismus. Inwiefern diese Musik jedoch wahrgenommen werden wird, ob in der westlichen oder in der arabischen Welt, ist vermutlich auch eine Frage ihrer politischen Relevanz. Dass sie neu und aktuell zugleich ist, hat sie schon bewiesen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar