Kultur : Maestro Makellos HeuteinBerlin:MarissJansonsundseinOrchester

Frederik Hanssen

Mariss Jansons ist einer der größten Dirigenten der Welt. Das sagt sich so leicht. Doch woran macht sich Größe fest bei einem Berufsstand, dessen Anteil am Gelingen eines Konzertabends den meisten Besuchern weitgehend schleierhaft bleibt? Was hat Mariss Jansons, was seine Kollegen nicht haben?

Lorin Maazel, Jansons’ Vorgänger als Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, ist einer der elegantesten Maestri; seine Interpretationen aber atmen häufig den Geist der Routine. Jansons Dirigiertechnik dagegen würde man als „zweckdienlich“ bezeichnen – wenn das nicht so technokratisch klänge. Dem 62-jährigen Letten kommt es nicht darauf an, ob seine Bewegungen gut aussehen. Ihm geht es allein um die Vermittlung seiner Ideen an die Musiker. Er verkörpert klassische preußische Tugenden: Wie Friedrich der Große sieht er sich als erster Diener der Partitur, hält es für seine höchste Pflicht, als Katalysator zwischen Komponist und Hörer zu wirken. Was keineswegs ausschließt, dass er im Orchester als absolutistischer Herrscher auftritt.

Kent Nagano, ab 2005 musikalischer Leiter der Münchner Oper, gilt als einer der interessantesten Dirigenten, weil er immer wieder durch ungewöhnliche Werkzusammenstellungen überrascht, stets furchtlose Neugier zeigt. Im Vergleich dazu erscheint Mariss Jansons’ Repertoire konventionell. Beethoven, Brahms, Bruckner, Mahler und Strauss sind die Säulen seines Musikgebäudes. Wo immer er einen neuen Chefposten antritt, dirigiert er Haydn, weil der für die Klangkultur der Orchester so wichtig ist. Er feierte als junger Mann erste Erfolge seiner 20-jährigen Amtszeit bei der Osloer Philharmonic mit Tschaikowsky, aber er ist fest davon überzeugt, dass ein musikalischer Leiter mit seinem Orchester stets ein möglichst breites stilistisches Spektrum erarbeiten sollte – anhand der Meisterwerke, versteht sich.

Auch Christian Thielemann, nach Nagano der zweite Maestro, der aus Berlin nach München abgeworben wurde, um hier die örtlichen Philharmoniker zu übernehmen, gehört in die Gruppe der Großen – und doch hat auch er wenig Berührungspunkte mit Jansons. Im Gespräch ist Thielemann ruppig und direkt, im Orchestergraben ein Klanggenießer, einer, der sich an Wagner und Strauss bis zur Erschöpfung berauschen kann. Mariss Jansons seinerseits steigt gedanklich während des Dirigierens auf wie ein Adler, um sich und seine Interpretation aus der Vogelperspektive beobachten zu können. Selbst in den emotionalsten Momenten hat er sich voll im Griff. Das gehört zu seinem Konzept der musikalischen Lauterkeit.

Sein Verantwortungsgefühl hat er sich als 13-Jähriger antrainiert, als die Familie von Riga nach St. Petersburg umzog, weil sein Vater in Russland Chefdirigent geworden war. Der kleine Mariss beherrschte weder die Landessprache, noch konnte er sich mit seinen Mitschülern in der Spezialschule für Musik messen. Mit eiserner Disziplin brachte er sich in kürzester Zeit auf Augenhöhe mit den Konkurrenten. Ein Arbeitspensum, wie es Jansons heute absolviert – trotz seines Herzinfarkts vor einigen Jahren –, schafft nur, wer sich selber gegenüber unerbittlich ist: Er dirigiert 26 Wochen im Jahr und nutzt die verbleibende Zeit zum Partiturstudium in seinem Haus bei Locarno oder der Zweitwohnung in Petersburg. Derzeit füllt er parallel zwei Chefpositionen aus – beim BR-Orchester sowie beim Amsterdamer Concertgebouw – und gastiert regelmäßig bei den Wiener und den Berliner Philharmonikern.

Über Politik redet er nicht gerne, lieber über Jugendarbeit. Zusammen mit seinem Münchner Orchestermanager Thomas Schmidt-Ott hat er ein umfragreiches musikpädagogisches Programm aufgelegt. Nur wenn er über Orchester- und Musikschulschließungen in der bewunderten Kulturnation Deutschland redet – „der Kapitän, der den Matrosen zeigt, wohin der Weg geht“ – hebt er seine Stimme, der russischen Akzent tritt etwas härter hervor. Der Lette ist ein vehementer Anhänger von old europe. Bildung ist ihm kein Ballast, die Auseinandersetzung mit dem kulturellen Erbe vielmehr ein Schlüssel zum Erfolg: „Je mehr man sich bildet, desto mehr gewinnt man an innerer Freiheit.“ So gesehen, ist Jansons einer der freiesten Menschen. 21 Jahre hat er insgesamt gelernt, von frühester Jugend bis zum Gewinn des Karajan-Dirigierwettbewerbs mit 28 Jahren. Seitdem ist er auf Reisen, sieht sich ständig mit neuen Mentalitäten konfrontiert.

Ist Mariss Jansons ein „Maestro Makellos“? Nun ja, zumindest eine Frage kann er nicht zufriedenstellend beantworten: Warum hat er niemals Musiktheater gemacht? Wo er doch im Opernhaus von Riga quasi aufgewachsen ist, weil seine Künstlereltern kein Geld für Babysitter hatten, und er von sich sagt, er liebe das ganze Genre bis hin zur Operette? Sein Argument – „ich kann es mir einfach zeitlich nicht erlauben, acht Wochen für eine einzige Produktion zu investieren“ – überzeugt nicht ganz: Andere, international umworbene Dirigenten schaffen das ja auch. In Amsterdam allerdings bietet sich jetzt eine Chance, da vom Concertgebouw-Chef ausdrücklich auch Operndirigate gewünscht werden: Zusammen mit dem Regisseur Martin Kusej wird Jansons 2006 „Lady Macbeth von Mzensk“ seines Herzenskomponisten Dmitri Schostakowitsch herausbringen.

Heute gastiert Jansons mit dem Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks in der Philharmonie.

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