Kultur : Magdeburg spielt das Musical und bringt den Nachwuchskomponisten fast um seinen Erfolg

Frederik Hanssen

Es gibt für Komponisten wohl nur eins, was schwerer zu finden ist, als gute Opernstoffe: gute Librettisten. Jedem von Giacomo Puccinis Meisterwerken ging ein jahrelanger Kampf mit seinen Textbuch-Schreibern voraus. Richard Wagner schrieb seine Verse lieber gleich selbst - nicht nur aus literarischer Selbstüberschätzung, sondern auch, weil er sicher sein konnte, niemanden zu finden, der seine revolutionären Ideen besser hätte umsetzen können. Auch der 27-jährige Ari Benjamin Meyers hat sich das Libretto zu seinem Opernerstling geschrieben. Nur ist der Amerikaner, der zur Zeit in Berlin lebt, eben nicht Richard Wagner.

Dabei ist das Sujet seines ersten Bühnenwerks "Defendants Rosenberg" (Die Angeklagten Rosenberg) durchaus musiktheatertauglich: Die Geschichte von Ethel und Julius Rosenberg, die 1953, auf dem Höhepunkt der Kommunistenhatz in den USA, zum Tod verurteilt wurden, weil sie angeblich die Formel für die Atombombe an die Sowjets verraten hatten, bietet genau jene emotionalen Extremsituationen, die glaubwürdiges Musiktheater zwingend braucht: Die überraschende Festnahme durch das FBI, der politische Schauprozess, die Sorge der inhaftierten Eltern um ihre beiden kleinen Söhne, das bange Warten auf die erhoffte Begnadigung, das Schwanken zwischen Verzweiflung und Verklärung vor der Exekution auf dem elektrischen Stuhl.

Hier hat Meyers seine starken Momente, denn er schreibt seinen Sängern "echte" Arien. 1999 Arien zu komponieren ist so ziemlich das Mutigste, was sich ein zeitgenössischer Komponist trauen kann - aber es funktioniert, weil sich Meyers offen zur traditionellen Opernästhetik bekennt, dramaturgisch wie musikalisch direkt an den emotionalen Realismus Puccinis anknüpft. Doch so geschickt er im Orchester verschiedenste stilistische Ebenen ineinander verschachtelt, sich nach Art von Filmmusikprofis bedenkenlos mal bei Kurt Weill, mal bei Bernstein bedient, wie er die Musik veristisch oder expressionistisch klingen lässt, wie er Minimalmusic-Muster zitiert, so ungeschickt stellt er sich beim "Erzählen" an: Weil das Schicksal der Rosenbergs ihm ans Herz greift, gerät ihm die Dramaturgie aus dem Blick, hält er sich zu lange mit Nebensächlichem auf, produziert Spannungslöcher.

Wenn Ethel Rosenberg vom Arbeitsplatz weg verhaftet wird und darum betteln muss, wenigstens noch ihre Jungs benachrichtigen zu dürfen, kann das eine starke Szene sein - würde Meyers darauf verzichten, auch noch das Macht-Euch-keine-Sorgen-um-Mommy-Telefongespräch mitzukomponieren. Weglassen und Vereinfachen aber sind die Schlüssel zur Operndramaturgie. Innehalten darf die Handlung nur da, wo die Musik wirklich über die akustische Verdoppelung von Text hinausgehen kann, wo sie Gefühle in eine Sphäre erhebt, die der Sprechsprache unzugänglich ist. Darum verpufft bei Meyers auch die Wucht des Endes. Denn der Vorhang fällt nicht, wenn der Kampf um die Begnadigung endgültig verloren ist. Statt dessen muss man fast zwanzig Minuten lang zu den Klängen eines sinfonischen Intermezzos der gesamten Hinrichtung samt abschließender Ansprache der Toten an die Menschheit beiwohnen.

Dem unerfahrenen Komponisten diese peinigende Effekthascherei auszureden, wäre eigentlich die Aufgabe des Uraufführungstheaters gewesen. Doch in Magdeburg passierte genau das, was den Stuttgarter Intendanten Klaus Zehelein jüngst dazu veranlasste, eine Akademie für zeitgenössisches Musiktheater zu gründen: Im eng geschnürten Zeitkorsett des Theateralltags blieb gerade Zeit für eine professionelle Umsetzung des Gelieferten, nicht aber für eine wirkliche Auseinandersetzung des Produktionsteams mit dem Komponisten. Dass man sich keine Übersetzung des Librettos leisten wollte und deshalb dem Publikum Übertitel und die mäßige englische Aussprache der Sänger zumutet, mag angehen, ebenso die Notlösung, die Uraufführung nicht im großen Haus des Magdeburger Theaters, sondern in einem akustisch wenig geeigneten kleinen Saal zu spielen - problematisch ist jedoch, dass man die fast dreistündige Partitur praktisch ohne Rücksicht auf ihre Bühnentauglichkeit umgesetzt hat.

Bis Ende des 19. Jahrhunderts war es durchaus üblich, dass während der Proben ganze Akte wegfielen, weil ein um seine Einnahmen besorgter Intendant aus der Partitur radikal alles herausstrich, was die Publikumswirksamkeit der Novität beeinträchtigen könnte. Das mochte manchmal zu Verstümmelungen führen, im Idealfall aber rettete es den unerfahrenen Komponisten vor Misserfolgen. Im Fall des unbestreitbar hochbegabten Ari Benjamin Meyers hätte ein erfahrener Kapellmeister womöglich gar dazu geraten, von dem ambitionierten Opernprojekt Abstand zu nehmen, um sich einem Genre zuzuwenden, das dem Amerikaner hörbar liegt: dem musical drama, jener Form des tragischen Musicals, dessen Erfinder Andrew Lloyd Webber langsam die kreative Puste ausgeht. Meyers nämlich, der nicht nur Komposition in Baltimore und Berlin studiert hat, sondern sich auch in diversen Rock-, Pop- und Jazzformationen als Musiker ausprobierte, besitzt diesen eklektischen Esprit, dieses Gespür für Stimmungen, die das sinfonische Musical braucht. Nicht umsonst ist die stärkste Szene seiner Oper die, in der eine entfesselte Partygesellschaft großbourgeoiser Kommunistenjäger mit Vaudeville-Musik die Gefangenen hänselt, während aus dem Off ein Solo mit Chorunterstützung die Gnadengesuche rezitiert - eine typische Musical-Szene, die emotionale Identifikation herausfordert. Mit einem instinktsicheren Librettisten könnte Meyers in dem Genre ein großer Wurf gelingen - vielleicht ist dafür sogar nur eine Umarbeitung der "Angeklagten Rosenberg" nötig.Wieder am 7. und 22. Januar im Magdeburger Kabarett "Die Kugelblitze".

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