Kultur : Magie der Jugend

Zum Tod des Dramatikers Wolfgang Bauer

Rüdiger Schaper

Welch ein höflicher Mensch! „Wenn Gott plötzlich vor Ihnen steht, was würden Sie ihn fragen?“, wollte einmal ein Journalist von Wolfgang Bauer wissen. Er würde, antwortete Bauer, Gott fragen: „Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?“

In der Pop-Musik müsste man den Grazer ein One-Hit-Wonder nennen. Zurück ins Jahr 1968: Flower-Power, Hippies und Drogen hatten Europa noch gar nicht richtig erfasst, da räumte Wolfgang Bauer schon die Träume von Freiheit und Jugend ab. „Magic Afternoon“, uraufgeführt in Hannover, war ein Schock, eine kunstlos neue Sprache auf den Bühnen. Das Stück um eine gelangweilte Clique, die in Sex und Gewalt versinkt, begründete Bauers Berühmtheit. Die Figuren waren so in, dass sie sich nichts mehr zu sagen hatten, hieß es damals. Wolfgang Bauers Werk – auch der Nachfolger „Change“ fand ein großes Echo – wurde in zwei Dutzend Sprachen übersetzt und in über dreißig Ländern aufgeführt. Vielleicht hat sich Bauer, von dem der Altersgenosse Peter Handke sagt, er sei „in jungen Jahren das einzige Genie in Österreich“ gewesen, von diesem smash hit nie erholt. Darin liegt Tragik.

Es war ja Handke gewesen, der mit der „Publikumsbeschimpfung“ dem Pop im Theater die Türen geöffnet hatte, jedenfalls formal. Bauer trieb die Sache exzessiv weiter und verabschiedete mit rüde-realistischem Ton die Achtundsechziger, bevor diese überhaupt wussten, dass sie eine „Generation“ waren. Es wurde auf der Bühne gevögelt, „Scheiße“ gebrüllt, Klassisches in die Tonne getreten. Der Dramatiker Bauer – man verglich ihn mit Nestroy – war der vergessene Vorläufer eines Inszenierungsstils, der heute zum Mainstream gehört; und da brauchte man seine Texte nicht mehr.

Wolfgang „Magic Wolfi“ Bauer, der am Freitag im Alter von 64 Jahren in Graz an einem Herzleiden gestorben ist, erlebte 2004 beim Steierischen Herbst seine letzte Uraufführung („Foyer“). Er war ein Surrealist geworden, ein verzweifelter Verrätseler. Man gab ihm den Österreichichen Staatspreis. Bundeskanzler Wolfgang Schüssel bezeichnete den Bürgerschreck von einst als „Motor der literarischen Avantgarde in Österreich.“ Welch eine Magie!

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