Kultur : Magie des Mondes

„Rückkehr ins Weltall“: Die Hamburger Kunsthalle geht mit Künstlern auf Raumfahrt

Nicola Kuhn

„Passen Sie auf, dass Sie nicht auch verschwinden“, warnt die Aufseherin . „Das schwarze Loch zieht alles an!“ Der gleißend weiße Ungers-Bau, die Hamburger Kunsthalle, ein schwarzes Loch? Das Museum eine Stätte, an der nicht gesammelt wird, sondern wo etwas verloren geht? Bei dieser Ausstellung dürfen alle ein bisschen spinnen: die Künstler und auch das Museumspersonal. Der Berliner Bildhauer Björn Dahlem hat im Lichthof der Galerie der Gegenwart aus Dachlatten ein „Schwarzes Loch“ zusammengezimmert, das bereits ein Campingzelt, eine Lampe, einen Stuhl und einen Grill magisch angezogen hat. Ein Museumsbesucher fehlt allerdings bislang in dem sternenartigen Gebilde.

„Rückkehr ins All“ lautet der Titel der Hamburger Ausstellung. In ihr geht es weitaus lustiger zu als noch vor wenigen Wochen bei der heiklen Discovery-Landung, angefangen bei der launigen Kuratorenthese vom Weltraum, der in der zeitgenössischen Kunst seit den Neunzigern ein Comeback erlebe. Hingegen gibt der Ausstellungspartner einem zu denken: Das Projekt wird zu großen Teilen vom Hochtechnologie-Unternehmen Siemens gesponsert; gut die Hälfte aller Werke kam mit Hilfe des „Siemens arts program“ zustande. Nichts gegen die Kulturförderung des Münchner Multis, die in sämtlichen Sparten der Kunst Vorbildliches leistet. Aber mit der „Rückkehr ins All“ promoviert der Sponsor überdeutlich seine eigene Sparte, selbst wenn die Kunst das Sujet geschickt ins Kuriose wendet. Die Künstler dienen hier allzu offensichtlich als Narren am Hofe.

Aber sie spielen diese Rolle höchst geschickt. Echte Orbit-Freaks werden eher wenig Freude haben, etwa an der von Tom Sachs im Maßstab 1:25 aus Pappe und Schaumstoff erbauten Nasa-Fähre. Der Künstler macht die Klebestellen überdeutlich sichtbar und gibt damit das Ganze als Spielplatz für Große zu erkennen. Durch den Modellcharakter teilt sich das Hypertrophe des ewigen Menschheitstraums mit, der vermessene Wunsch nach der Eroberung des Weltraums. Die Hamburger Schau versammelt mit 20 Künstlern eine Vielzahl solcher amüsanter, intelligenter Werke. Ihr Erkenntnisgewinn bleibt jedoch eher gering wie oft bei Ausstellungen zu einem Oberbegriff – zuletzt etwa bei den „Blumen“ im Museum Morsbroich anlässlich der Leverkusener Landesgartenschau oder derzeit im Berliner Palast der Republik, wo als finale Veranstaltung vor dem Abriss Kunst zum Thema „Tod“ präsentiert wird.

Die Weltraum-Künstler aber haben das Augenzwinkern für sich gepachtet; die Zeiten, als das All noch für Utopien und unerreichbare Sehnsüchte stand, sind lange vorbei. Kasimir Malewitsch versuchte seinerzeit noch, mit einem schwarzen Quadrat abzuheben. Er träumte davon, mit der Kunst einen Raum der Schwerelosigkeit zu schaffen. Auch Yves Klein, einer der letzten Romantiker, ließ sich darin nicht beirren. „Heute muss der Maler des Raumes wirklich in den Raum vorstoßen, um zu malen“, sagte er – und wagte per Fotocollage seinen berühmten „Sprung in die Leere“.

Die heutigen Künstler sehen das pragmatischer und führen die alten Ideale ad absurdum. So ließ etwa die Videokünstlerin Aleksandra Mir am Strand des holländischen Wijk aan Zee mit Hilfe von Baggern eine regelrechte Mondlandschaft anhäufen, auf der fünf sexy Raumfahrerinnen ihr Fähnlein in den Sand spießen dürfen. Und Filmemacher Björn Melhus schlüpft in seinem neuesten Video in die Rolle eines tapferen Raumschiff-Commanders. Der steht inmitten einer Kraterkulisse Hand in Hand mit Vater Melhus im Freizeithemd und Neffe Lukas im Kommunionsanzug – alle drei Protagonisten in bester Star-Trek-Manier. Während der Vater mit piepsiger Mädchenstimme immer wieder „I love you“ haucht, raunt der Neffe im Schwarzenegger-Sound „It must be destroyed“.

Und doch gibt es auch die heroische Seite der Raumfahrt-Rezeption. Der Kurzfilm „Dreamtime“ des britischen Künstlerduos Jane & Louise Wilson zeigt Vorbereitung und Durchführung eines realen Raketenstarts auf dem Gelände des Baikonur Kosmodroms im Süden von Kasachstan. In dunstigen Morgennebel gehüllt, haben die Aufnahmen von der Abschussrampe, den riesigen Werkhallen und den sich zögerlich versammelnden Zuschauern etwas Pathetisches, dem man sich trotz aller Skepsis angesichts der rostigen Bauteile nicht entziehen kann. Die dunkle Seite des Mondes hat eben nichts von ihrer magischen Kraft verloren. Auch der junge Münchner Bildhauer Michael Sailsdorfer weiß darum: Aus schwarzer Glasfaser schuf er eine reliefartige Bodenskulptur und nennt sie „Cast of the Surface of the Dark Side of the Moon“. Träumer haben bei ihm keine Chance. Seine Rückkehr ins All steht auf festem Grund.

Hamburger Kunsthalle, bis 12. Februar; Katalog (Hatje Cantz Verlag) 19,80 Euro

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