Kultur : Magie ist ein gefährliches Wort Anima Eterna spielen Liszt beim Musikfest

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Die Zurückhaltung, mit der die Musikwelt von jeher den Komponisten Franz Liszt begleitet hat, spürt man selbst kurz vor seinem 200. Geburtstag noch deutlich. Ein Abend mit Liszts Orchesterwerken beim Musikfest vermag es bei Weitem nicht, die Philharmonie zu füllen. Dabei sind in Jos van Immerseel und seinem Ensemble Anima Eterna Musiker angereist, die durch akribische Forschungen und die penible Auswahl historisch passender Instrumente eine Elitetruppe gegen akustische Vorurteile bilden. Ob Beethoven, Berlioz oder Bolero – immer gibt es bei ihnen etwas Unerhörtes zu entdecken, gehen intellektuelle Durchdringung und klangsinnliche Finesse eine beglückende Liaison ein.

Umso mehr reibt man sich die Ohren bei der versuchten Liszt-Rettung durch Anima Eterna. Dass van Immerseel bewusst alles Pathos unterspielt, Liszt nicht mit der Unterwerfungsrethorik Wagners dirigiert, tut wohl. Auch der durch die Stimmung der Instrumente weitgehend ausgeblendete Glanz mag noch mit Liszts Moll-Räuschen korrespondieren. Doch wozu die komplett spannungsfreien Tempi, das Schlurfen im Treppenhaus der musikalischen Erregung? Immerseel und seinen Musikern bei der Arbeit zu folgen, ist wie einen Laborversuch zu beobachten: Kann Niedrigenergiemusizieren zum Abbrechen aller Wärmebrücken zwischen Werk und Zuhörern führen? Die geradezu magische Bildhaftigkeit, mit der der Interpret Liszt sein Publikum begeisterte, löst sich auf. Anstelle von Poesie tritt das pedantische Auszählen und Repetieren von Takten.

All dies mögen – zart eingesetzt – Ingredienzien einer subtil ausgekosteten Interpretation sein. Im Konzert zerfaserte Immerseels zweieinhalbstündige Liszt-Austrockung von „Totentanz“ über „Von der Wiege bis zum Grabe“ bis hin zu „Les Prèludes“. Das Darben beendete Pascal Amoyel am Érard-Flügel erst mit einer „Consolation“. Eine mitfühlende Zugabe, immerhin. Ulrich Amling

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