Kultur : Magie nach Zahlen

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SCHREIBWAREN

Steffen Richter über Autoren,

die zurückblicken

Die nächsten Tage stehen literarisch ganz im Zeichen von Rückblicken. Dabei könnte sich wieder einmal erweisen, dass früher durchaus nicht alles besser war. Im Gegenteil, manchmal war es richtig schlecht. Zumindest Stephan Wackwitz kommt es so vor, wenn er an seinen deutschnationalen Großvater denkt. Der hatte den Ersten Weltkrieg als Soldat erlebt und war dann evangelischer Pfarrer in Oberschlesien, nahe Auschwitz geworden. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschlug es den Kirchenmann ins märkische Luckenwalde, wo Rudi Dutschke zu seinen Schäfchen zählte. Enkel Wackwitz hat in „Ein unsichtbares Land“ (Fischer) die Lebensgeschichte seines Großvaters ausgegraben und mit Schrecken festgestellt, dass „der Spuk im Pfarrhaus“ in seinem eigenen Leben weiterging. Die Geister versucht er am 27. Mai im Lesecafé Eggers und Landwehr auszutreiben (20 Uhr).

Auch der als Schauspieler, Regisseur und Romancier bekannte Steffen Mensching muss an eine Erscheinung geglaubt haben, als ihm auf der 28. Straße in Manhattan der Antiquar Jacob begegnete. Am 28. Mai berichtet er im BrechtHaus (20 Uhr), wie „Jack“ ihm eine Bibliothek von 4000 Bänden verkaufte – allesamt Bücher von deutschen Ausgewanderten, die ihr Heil in der Neuen Welt gesucht hatten. In seinem Roman „Jacobs Leiter“ (Aufbau) erzählt Mensching von der Rückführung des Schatzes nach Europa.

Eine Begegnung mit der eigenen Vergangenheit steht für Cees Nooteboom an. Kurz vor seinem 70. Geburtstag ist „Philip und die anderen“ (Suhrkamp), sein erster Roman von 1955, in neuer Übersetzung herausgekommen. Nooteboom war 21, als er Philip auf eine Reise per Anhalter durch Europa schickte. Es dürfte interessant werden, wenn er nun – ebenfalls am 28. Mai – im Buchhändlerkeller (21 Uhr) auf sein Frühwerk trifft. Denn mittlerweile erscheint ihm sein Roman als „vorzeitig“, eigentlich sei er „nicht mehr von mir“.

An Inge Müller wollte sich lange niemand erinnern. Bis vor kurzem galt sie nur als die „Frau an der Seite“ Heiner Müllers. „Die schönen Weiber“, hat sie einmal geunkt, würden „heutzutage mit unter die Talente ihrer Männer gerechnet“. Damit ist es spätestens seit letztem Herbst vorbei, als eine Biografie von Ines Geipel erschien. Müller war 1945 während der Schlacht um Berlin drei Tage von Trümmern eingeschlossen. Vom Trauma des Verschüttetseins hat sie sich nie erholt. An ihrem Todestag, dem 1. Juni, wird eine Lesung von Blanche Kommerell im Literaturhaus (20 Uhr) belegen, dass ihre Lyrik für sich selbst stehen kann.

Einen Tag später, am 2. Juni, wird im Literarischen Colloquium der 100. Geburtstag des spanischen Schriftstellers Max Aub gefeiert (20 Uhr). Der Sohn eines Deutschen und einer Französin hinterließ bei seinem Tod 1972 ein überbordendes Werk, das erst seit Anfang der Neunzigerjahre auf Deutsch zugänglich wurde. Rechtzeitig zum Jubiläum ist der sechste Band „Bittere Mandeln“ des 2000 Seiten starken Romanzyklus „Das Magische Labyrinth“ erschienen (Eichborn). Hält man dieses Juwel der literarischen Moderne neben so manches Elaborat aus den popkulturellen Werkstätten, dann kommen einem doch wieder Zweifel: Vielleicht war früher doch nicht alles so schlecht.

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