Kultur : Magie und Realismus

Steffen Richter

Es klingt seltsam, aber Kontinente haben, von Europa aus gesehen, unterschiedliche literarische Konjunkturen. Nordamerika – genauer: die USA – erlebt seit 100 Jahren Dauerhochkonjunktur. Asien dagegen hat selten Konjunktur, Afrika fast nie. Von Australien hört man wenig, es sei denn, der beste australische Roman des Jahres, Paul Temples „Kalter August“, entert wie soeben die „Krimi-Welt“-Bestenliste. Für Lateinamerika, so scheint es, zieht die Konjunktur gerade etwas an.

Vermutlich wird sie nicht an die goldenen sechziger Jahre heranreichen, als García Márquez, Vargas Llosa oder Cortázar bei uns bekannt wurden. Aber Chilenen wie Jorge Edwards, Kubaner wie Leonardo Padura oder Argentinier wie Ricardo Piglia und César Aira werden heute wieder verstärkt gelesen. Schon aus politischen Gründen ist Lateinamerika ein Sonderfall. Der Subkontinent erlebt einen Linksruck. Bis auf Kolumbien werden die wichtigsten Länder von Sozialdemokraten, Linksnationalisten oder -populisten regiert. Und die Literatur hat einiges aufzuarbeiten: Jahre des politischen Terrors, des Bürgerkriegs, der Diktatur. Ein schockierendes, höchst aufschlussreiches Buch ist der Gedichtband „Wenn der Tod sich nähert, nur ein Atemzug“ (Matthes & Seitz Berlin). Autor ist der Brasilianer Paulo César Fonteles de Lima, der Anfang der siebziger Jahre von der brasilianischen Militärdiktatur verhaftet und mit jener Folter traktiert wurde, über deren Zulässigkeit gerade wieder so freimütig debattiert wird. Die Folter der Militärs hat er überlebt, doch nach dem Ende der Diktatur wurde er ermordet.

In Peru sind es die Achtziger, die heute für Diskussionen sorgen. Es ist das Jahrzehnt des Kriegs zwischen der linken Guerillagruppe „Leuchtender Pfad“ und dem Staat. Beide Seiten haben an der Indiobevölkerung – bei Verdacht auf Kollaboration mit dem Gegner – grauenvolle Massaker verübt. Um dieses finstere Erbe geht es in Alonso Cuetos „Die blaue Stunde“ (Berlin Verlag). Darin entdeckt ein mitten im großbürgerlichen Leben stehender Anwalt (9000 Dollar Monatsgehalt, zwei „reizende“ Töchter, permanente Karibikbräune), dass sein Vater nicht nur ein heldenhafter Kämpfer gegen den linken Terror gewesen ist. Als führender Militär hat er bestialisch gewütet, sich aber auch mit einer sehr besonderen Schuld beladen. Ob diese Schuld, ganz in christlicher Tradition, vererbbar ist und wie man mit dieser Vergangenheit umgeht, verhandelt Cueto, dessen Roman nebenbei ein glänzendes Panorama der modernen peruanischen Gesellschaft liefert. Wenn Alonso Cueto heute (19 Uhr 30) ins Instituto Cervantes kommt (Rosenstr. 18–19, Mitte) , dürfte es auch um das aktuelle Peru gehen. Dort regiert seit den Wahlen im letzten Jahr derselbe Mann, der schon in der Hochphase des Terrorismus Präsident war und dann wegen massiver Korruptionsvorwürfe von der politischen Bühne verschwand: Alan García. Sollte uns tatsächlich eine Konjunktur lateinamerikanischer Literatur bevorstehen, wird sie wenig mit „Magischem Realismus“, viel aber mit Realismus zu tun haben.

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