Magische Orte : Erinnerung an die Zukunft

Mit seiner beeindruckenden Akustik lockt das antike Freilichttheater in Epidauros Jahr für Jahr zehntausende Besucher an. Antike und Moderne werden auf der Bühne geschickt miteinander verknüpft.

Peter von Becker

Ein sprechender Kopf, nicht mehr. Eine am Ende bis zum Hals eingegrabene Schauspielerin soll eine riesige Arena unter freiem Himmel, einen Platz für tausende Zuschauer füllen, bezaubern, vielleicht verhexen. Wie soll das gehen? Schon das grenzt an Magie – doch zuerst ein Blick auf den Schauplatz des kühnen Unterfangens. Nicht jeder magische Ort auf der Welt hat ja ein ausgesprochenes Geheimnis. Und schon diese beiden Worte erscheinen wie ein Widerspruch. Oscar Wilde hat über die Untiefe einer abgründig grundlosen Bezauberung einmal eine Erzählung geschrieben, mit dem Titel „Die Sphinx ohne Geheimnis“.

Epidauros aber hat seit gut zweitausenddreihundert Jahren ein tatsächlich offenes Geheimnis. Epidauros auf dem griechischen Peloponnes, etwa anderthallb Autostunden von Athen entfernt, ist auf einer von Wäldern und Bergen gesäumten Hochebene der Landschaft Argolis die bedeutendste antike Kultstätte der Heilkunst und ihres mit dem Schlangenstab dargestellten Gottes Asklepios, lateinisch Äskulap genannt. Der wurde hier geboren, als Sohn Apolls. Doch nicht seines Tempels, seines Museums oder der Reste des viel besser als in Olympia erhaltenen Stadions wegen wird Epidauros vor allem besucht. Es ist das Theater, die heute berühmteste Spielstätte im Land, wo Europas Welttheater seine Wurzeln hat.

Beeindruckende Akkustik

Diese halbrund angeschnittenen, steil aufragenden Amphitheater, wie sie einst Hellas erfand, sie sind, verdoppelt zum vollen Oval, bis heute die Vorbilder noch aller großen Sportarenen. Auch in Epidauros gab es alle vier Jahre dem Asklepios geweihte Spiele, die Kult und Sport, Theater, Musik und die hier in Badehäusern und Hospizen gepflegten medizinischen Künste miteinander verbanden. Aber das Theater begründet hier alle Magie. Mit dem Geheimnis seiner Akustik. Millionen Touristen haben das schon erlebt: dass jemand im kleinen Mittelkreis vor dem monumentalen, in einen Bergrücken gehauenen steinernen Zuschauerrund eine Münze auf den Marmorboden fallen lässt oder auch nur ein Streichholz anzündet. Und noch in der höchsten, leicht schwindelerregenden Höhe der obersten von insgesamt 55 Sitzreihen, knapp 23 Meter über dem Bühnengrund, ist der Aufprall des winzigen Metalls oder das kurze Zischen des Feuerhölzchens zu vernehmen. Diese Hörprobe gehört bei den Besichtigungen tagsüber zum touristischen Ritual.

In Epidauros aber haben auch Heerscharen von Architekten und Soundspezialisten nach der Ursache des Klangwunders gesucht. Wer demnächst die Akustik der Berliner Lindenoper heilen soll, würde wohl gerne nachfragen beim Baumeister Polyklet. Um 330 v. Chr. hat jener Architekt von Epidauros sein Geheimnis des vollkommenen Tons im offenen Raum geschaffen, das mit einer spezifischen Wölbung der marmorverkleideten Zuschauerränge oder dem Grad ihres Anstiegs noch immer nur unzureichend erklärt werden kann. Natürlich ist es auch die schiere Schönheit des ansonsten einsamen, von der Hafenstadt Nauplia oder der Bucht des Dörfchens Paläa Epidauros bis zu 30 Kilometer entfernten Orts, die jedes Jahr Hunderttausende hierher lockt. Das kulturgeschichtlich bedeutendere, aber viel kleinere Dionysos- Theater am Fuß der Akropolis ist fast völlig verfallen. Das griechisch-römische Theater von Taormina auf Sizilien liegt mit Blick auf den Ätna zwar spektakulär, doch inmitten heutiger Zivilisation. Auch das mächtige Halbrund von Ephesos in Kleinasien hat in der Kulisse, in den Proportionen nicht die Faszination von Epidauros. Hier wird seit den fünfziger Jahren allsommerlich wieder gespielt. Meist antike Tragödien, manchmal gibt es musikalische Abende, als sensationell melodramatisch galt ein Auftritt der griechischen Diva Maria Callas.

Griechische Tragödien in moderner Inszenierung

Einer der künstlerischen Erfolge aus jüngster Zeit war Peter Steins Inszenierung der "Elektra“ des Sophokles, auf Altgriechisch, bei der an vier Abenden jeweils über 10 000 Zuschauer die Aufführung feierten. Bedeutende internationale Regisseure hierher zu locken und das Repertoire zur dramatischen Moderne zu öffnen hat sich Intendant Yorgos Loukos vorgenommen, dessen in Athen beheimatetes Hellenic Festival die früher wohl etwas altbackenen Sommerspiele von Epidauros vor drei Jahren übernommen hat. Jetzt zeigen die Hellenen nicht nur die Berliner Schaubühne und Thomas Ostermeiers „Hamlet“ in einer ehemaligen Fabrikhalle am Rande von Athen (siehe Tsp, 11. 7.). Sie haben letztes Jahr auch das Londoner National Theatre mit Samuel Becketts "Happy Days“/ „Glückliche Tage“ eingeladen. Nach Epidauros. Doch im Sommer 2007 wütete das große Feuer auf dem Peloponnes, und als 50 Kilometer vom Festspielort die ersten Menschen verbrannten, wurden das Stück abgesetzt. Und jetzt nochmals eingeladen. Also eine zweite Chance, das Wunder von Epidauros im richtigen Spiel zu erleben. In einem hier eigentlich unvorstellbaren Spiel.

"Glückliche Tage“ ist der zweistündige Monolog einer Frau. Von Winnie. Ihr Gatte Willie, meist kaum sichtbar, hat nur wenige Worte. Und Winnie ist in der ersten Hälfte des Stücks bis über die Taille eingegraben in einen Sandhaufen, kann nur Kopf und Arme bewegen, hat als einziges Requisit Schirm und Handtasche. Im zweiten Teil steckt sie bis zum Kinn im Hügel, der ihr Grab ist. Doch sie redet, quatscht, schwadroniert über diesen und andere glückliche Tage, über lauter „wundervolle“ Alltäglichkeiten, vom Zähneputzen bis zur Walzerliebe, ist eine lustige Fastschonwitwe, ein lebender Leichnam, ein tragischer Witz. Auch: eine Sphinx ohne Geheimnis.

Samuel Backetts "Glückliche Tage“ auf der Bühne

Das alles nun aber nicht wie in den One-Woman-One-Winnie-Shows großer Schauspielerinnen à la Madeleine Renaud oder Christa Berndl nur wieder als virtuoses kleines Kammerspiel, sondern im offenen Raum: ein sprechender, lachender, erschreckend komischer Kopf allein in jenem Riesenrund, das für 14.000 Menschen erbaut wurde.

Tollkühner können das zweitausendjährige Epidauros und alles Freilichttheater kaum herausgefordert werden. Und das Wunder geschieht. Erst verhüllt ein kleiner weißer Kubus die schon beim Hereinströmen der Zuschauer darunter wartende (mit Eisbeuteln in der griechischen Hitze gekühlte) Schauspielerin Fiona Shaw – manchem auch als Harry Potters Tante Petunia aus den entprechenden Verfilmungen bekannt. In der südlichen Sommernacht ragt sie später dann in einem schulterfreien schwarzen Kleid wie ein eleganter Torso aus einem Marmortrümmerhaufen. Dies nämlich ist der geniale Trick der Regisseurin Deborah Warner und ihres Bühnenbildners Tom Pye: Statt des immer etwas kunstgewerblich wirkenden Sandhaufens wird hier täuschend echt eine archäologische Ausgrabungsstätte inszeniert, die Stile, Steine, Stimmung des Orts so aufnimmt, dass Vergangenheit und Zukunft sich fabulös verbinden. Becketts Winnie kontert Pygmalion: eine schöne Frau, wieder vom Marmor verschlungen. Ein Fragment, ein Fossil von morgen. Und Fiona Shaw benutzt keinerlei technische Hilfe, keine versteckten Mikrofone, um völlig verständlich und im Lichtkegel der nächtlichen Szene ganz geisterhaft präsent zu erscheinen.

Auch hinter der Szene kein modernes Anzeichen in der archaisch unveränderten, von den tuschschwarzen Silhouetten der Pinien, Zypressen oder Ölbäume gezeichneten, sich bis zum bergigen Horizont fortsetzenden Landschaft. Allein die sterbend unsterbliche, singend hohnlachende Wunderfrau – und in ihren lebenslustigen Todespsalm mischen sich die Zikaden, antwortet mal ein Käuzchen. Oh, what a happy day. Sagt sie. Denken wir, am Ende jubelnd in der griechischen Nacht.

Bisher in der Serie „Magische Orte“ erschienen: Schloss Ulrichshusen (18. 7.), die Karibikinsel St. Lucia (25. 7.), die Kölner Domplatte (30. 7.), der Baquedano-Platz in Santiago de Chile (6. 8.)

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