Kultur : Magnet für Mörder

Mehr Lust an der Form, weniger nackte Gewalt: Das Fantasy Filmfest haucht abgenutzten Genres neues Leben ein.

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Aua! Richard Raaphorsts Film „Frankenstein’s Army“ wird in der Reihe „Midnight Madness“ gezeigt. Foto: Ascot Elite
Aua! Richard Raaphorsts Film „Frankenstein’s Army“ wird in der Reihe „Midnight Madness“ gezeigt. Foto: Ascot Elite

Mit Oliver Reed hat es angefangen. Der trinkfreudige Schauspieler fiel während der Dreharbeiten zu „Gladiator“ tot vom Barhocker, und da man ihn noch für ein paar Szenen benötigte, wurde er kurzerhand digital reanimiert. Diese Notlösung könnte zur Norm werden. In Ari Folmans „The Congress“, der das vom 20. bis 28. August laufende Fantasy Filmfest eröffnet, lassen Schauspieler sich einscannen und haben damit ihr Soll erfüllt. Sie dürfen nicht nur, sie müssen sich sogar ins Privatleben zurückziehen. Die Rechte am eigenen Bild haben sie abgetreten, die Gage ist dieselbe wie vorher.

Solch eine Zukunftsvision funktioniert nur mit der richtigen Besetzung und Folman hat sie gefunden. „The Congress“ ist bis zur Hälfte ein Dokumentarfilm über Robin Wright, die offen und schonungslos ihre eigenen Karriereprobleme anspricht. Sie hat sich immer mehr für Independent-Produktionen als für Blockbuster interessiert, das war gut für ihre Selbstverwirklichung, aber schlecht fürs Image in Hollywood, wo man am kommerziellen Erfolg gemessen wird. Außerdem geht sie langsam auf die 50 zu – ein Ex-Star, der nie ein richtiger Star gewesen ist. Man glaubt dieser Frau, dass sie aus Resignation einen so dubiosen Vertrag unterzeichnet. Ihre Verhandlungen mit Agenten sind erschütternd und von grausiger Komik. Die zweite Hälfte des Films wurde komplett animiert, in derselben Ästhetik wie Folmans Welterfolg „Waltz with Bashir“. Es ist die schwächere Hälfte, weil Robin Wright nur noch als Zeichentrickfigur existiert. Diese Figur kann nicht mit der Schauspielerin aus Fleisch und Blut konkurrieren.

Gleich zwei Frauen müssen sich in Neil Jordans „Byzantium“ gegen eine feindselige Umwelt behaupten. Clara (Gemma Arterton) und Eleanor (Saoirse Ronan) sehen wie Schwestern oder Freundinnen aus. Tatsächlich sind sie Mutter und Tochter, und das seit über 200 Jahren. Da sie zum Weiterleben frisches Blut benötigen, jobbt Clara in einem Striplokal und geht auf den Straßenstrich; auf die Weise lernt sie genügend Widerlinge kennen, die sie in Notwehr töten kann. Und als ihr die Opfer ausgehen, eröffnet sie ein eigenes Etablissement, um Männer anzulocken: das Byzantium. Wie die beiden Frauen ist der Film aus der Zeit gefallen. Er passt in keine Schublade. Seine Stilelemente sind so gegensätzlich wie die grotesk sinnliche Clara, die man fast nie ohne Reizwäsche sieht, und die jungfräuliche, zerbrechliche Eleanor. Als Drehort hat Jordan eine Kleinstadt im Südwesten Irlands gewählt, deren Alltag er mit Sinn für soziale Genauigkeit einfängt. Und wie immer geht er meisterhaft mit Farben um.

Es ist überhaupt die Lust an der Form, die das Fantasy Filmfest auszeichnet, nicht die Lust an der Gewalt. Obwohl Letztere ausgiebig zelebriert wird. Aber generell interessieren sich die Regisseure mehr für das Wie als das Was. Sie versuchen, abgenutzten Genres neues Leben einzuhauchen. Gabriele Salvatore gelingt das bei „Siberian Education“, einer Variation der klassischen Mafia-Epen von Coppola, Scorsese und Leone. Ein ungewöhnliches Team hat sich zusammengetan: Italiener hinter der Kamera, Englisch sprechende Litauer in den Hauptrollen, dazu John Malkovich mit fettem russischem Akzent als weises Familienoberhaupt. Es fehlen nicht einmal die obligatorischen Balalaikaklänge und Männerchöre auf der Tonspur. Und die vier Freunde, deren Werdegang der Film erzählt, sind Stereotypen: ein strahlender Held, ein gemeingefährlicher Psychopath, ein lustiger Dicker und ein trauriger Brillenträger. Doch Salvatore erzeugt Spannung durch verschachteltes Erzählen und das Vorenthalten von Informationen. Ihm gelingen ein paar wunderbar surreale Momente, etwa wenn ein Klavier von einem reißenden Fluss weggespült wird.

Unerwartete Zwischentöne zeichnen Stephen Sommers’ Teenie-Horrorfilm „Odd Thomas“ aus. Der jugendliche Held (Anton Yelchin) kann mit Mordopfern kommunizieren, die ihm den Täter verraten. Noch lieber würde er allerdings Morde verhindern. Dank einer Gabe, die man „paranormalen Magnetismus“ nennt, erkennt er zukünftige Mörder an der schwarzen Wolke, die sie umgibt. Leider weiß er nicht, wann und wo die Tat sich ereignen wird. Diese Handlung klingt nach Dutzendware in der Tradition der „Final Destination“-Filme, doch Sommers’ Teenies sind nicht so nervtötend dumm wie sonst. Wenn jemand stirbt, empfindet man keine Schadenfreude, sondern echte Trauer. Zuschauer, die unverhohlen primitiven Horror bevorzugen, werden unter den 70 Filmen selbstverständlich auch fündig: Im Programm sind Zombies wie Messer schwingende Yakuza-Gangster. Frank Noack

Infos: www.fantasyfilmfest.com

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