Kultur : Mahler, der Maestro und die Melancholie

MORITZ MÜLLER-WIRTH

Erster Tag

Reihe fünf, Sitz E, Economy-Class, Swiss-Air, inkognito noch.Von hinten links eine Melodie, vermutlich 6E: "Ba-da-ba-da-dija-da-da-daam." Der Nachbarsitz, 5D: "dija-da-da-dija-dija-da-dadaam." 6E: "Mozart." 5D: "Diese wunderschöne Cello-Passage." Aha.

Unterwegs mit den Berliner Philharmonikern.Der offizielle Reiseplan des Orchesters sieht für diesen Tag vor: 10 bis 12 Uhr Zugang zu den Instrumenten in der New Yorker Carnegie Hall.Die fliegenden Nachzügler: Ein Dutzend fröhlich-müde Männer, besser bekannt als die "12 Cellisten der Berliner Philharmoniker".Die Verspätung hat einen Namen: Chemnitz.Ein Konzert noch am Vorabend, unaufschiebbar.Man stelle sich vor: Der FC Bayern München bezieht vor einem wichtigen Europa-Cup-Spiel ein Trainingslager, und die halbe Offensivabteilung spielt unterdessen gegen Wattenscheid 09.

Ankunft in New York, JFK-Airport.Die Instrumente sind vorgereist, mancher vermißt sie.Chemnitz, bei aller Liebe, wurde von den meisten mit dem Zweit-Cello absolviert.Inzwischen wissen die Musiker, daß sie nicht mehr unter sich sind.Der schreibende Kollege H., studierter Musikwissenschaftler, praktizierender Pianist und mit dem philharmonischen Innenleben bestens vertraut, macht uns bekannt.Schön, daß Sie dabei sind.Ja, das stimmt.Fahren wir gemeinsam ins Hotel? Ein großes Auto kommt billiger als ein paar Taxis.Also gut.Es fährt vor: eine blankpolierte "Stretch-Limousine".Getönte Scheiben, blaue Ledersitze, im Innern Champagner-Gläser, leer.James-Bond-Phantasien und Cello-Anedkdoten.Letztes Jahr auf dem Kreuzfahrtschiff.Damals in New York.Mit Karajan.

Zweiter Tag

Erste Begegnungen.Viel gelernt.Ganz wichtig, zum Beispiel: Gustav Mahlers dritte Symphonie in d-Moll, von der noch zu reden sein wird, heißt unter Kennern einfach: Mahler-Drei, in einem Wort gesprochen.Wobei in der Regel zur Unterstützung gerne Daumen, Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand leicht angehoben werden.

Dritter Tag

Am Morgen steht Mahler-Drei zur Probe und am Abend dann zur Aufführung an.Am nächsten Tag folgt Bruckner-Fünf.Später wird man im Orchester die einhellige Meinung hören: Mahler-Drei war ein Ereignis.Bruckner-Fünf hingegen, mit Bruckner-Fünf, urteilen einige, habe sich der Maestro schwerer getan.Andere finden: Noch nie war Abbados Bruckner so gut.Es fällt häufig, meist mit respektvoll emporgezogener Augenbraue, der Name des 86jährigen Bruckner-Spezialisten Günter Wand.

Carnegie Hall, morgens kurz vor zehn Uhr."Die reichen Leute der Stadt", sagt Philharmoniker-Intendant Elmar Weingarten ganz ohne jede Häme, "halten sich die CarnegieHall." Als die Halle an Manhattans siebter Avenue vor einigen Jahren abgerissen werden sollte, da haben einige dieser reichen Leute zusammengelegt, das Traditionshaus von Grund auf sanieren lassen und damit die Abbruchphase auf unkomplizierte Weise quasi vom Tisch gezahlt.

Dann - glücklicher Zufall - im Fahrstuhl mit Claudio Abbado.Der extrem pressescheue Maestro nach überstandener Grippe und Concorde-Anflug noch etwas blaß um die Nase, jedoch höchst aufgeräumt.Dunkelgraue Flanellhose, mittelblaues Hemd, dunkelblauer Pulli, lässig über die Schulter geworfen.Dunkelbraune College-Schuhe, die Partitur samt Taktstock unter den rechten Arm geklemmt.Auf der Bühne, das Orchester im Auge, nur gelegentlich kurze Kommandos, "bitte leiser, nur die Harfe etwas mehr".Nach der Unterbrechung - der Partiturorientierungsbefehl: "Drei vor Neunzehn." Alle setzen ein.Keine Spur von Routine.Bis an die Kanten ihrer Stühle vorgerückt, bei höchster Konzentration gibt es an diesem Morgen nur eine Botschaft des Orchesters: Leidenschaft.Und der Maestro, von dem man sagt, im persönlichen Umgang zeige er nur selten große Emotionen? Auch Claudio Abbado scheint mitgerissen, fortgetragen von jener Energie, die Sinne betörenden Energie, die das Orchester ihm, der sie den Musikern zuführte, in diesem Moment wieder zurückzugeben scheint.Autorität, Distanz, Eleganz auch, voller Einsatz und ein fast greifbarer Ehrgeiz.In manchen Momenten am Pult erinnert der Mailänder Maestro an den späten Giovanni Trapattoni.Dann Mahler-Drei, der stille Höhepunkt.Vierter Satz, Misterioso überschrieben.Abbado geleitet die tiefen Streicher in die Abgründe des Pianissimo.Nie ist ein Ton so schön zerronnen.

Vierter Tag

Morgens Manöverkritik bei coffee, eggs, Jumbo-Bagel und Cream-Cheese.Mahler-Drei zweimal am Tag, findet einer, das sei einfach einmal zu viel.Die Aufführung sei daher weniger spannungsreich als die morgendliche Probe gewesen.Und das Publikum.Von Berliner Konzertbesuchern geht die Rede, Ärzte schickten ihre Patienten mit aufkommender Erkältung in die Philharmonie statt ins Bett.Im Vergleich zu den Besuchern der Carnegie Hall allerdings nimmt sich das Berliner Hüsteln ziemlich zivil aus, angesichts wahrer Röchelgeschwader im Carnegie-Parkett.Nun hat Mahler-Drei keine Pause, die Aufführung dauert mehr als eineinhalb Stunden.Da kann einem schon mal zwischendurch ein Bravo entfahren.Aber, daß die Menschen bei laufendem Tempo di Minuetto einfach den Saal verlassen, um kurze Zeit später in aller Ruhe ihren Platz wieder einzunehmen, das hat die Berliner Profis etwas irritiert.

Während der Probe zu Bruckner-Fünf: Gespräch mit dem Intendanten im Vorzimmer der Macht, im Foyer der Maestro-Suite.Ein Flügel, signierte Fotografien alter Meister, Bernstein zum Beispiel oder Karajan."Herbert von Karajan", sagt der Intendant, "spielt immer noch eine Rolle im Orchester." Die Hälfte der Philharmoniker habe ihn noch erlebt.Das bedeutet: die andere Hälfte kennt ihn nicht mehr aus eigenem Erproben.Wer dieser Tage in der Umgebung des Orchesters über Karajan spricht, den Übervater, der 1989 die Philharmoniker im Unfrieden verließ und kurze Zeit darauf starb, wer über Karajan spricht, der spricht automatisch auch über Claudio Abbado.Hat doch der Karajan-Nachfolger angekündigt, daß er im Jahre 2002, bald siebzigjährig, die Leitung des Orchesters abgeben und sich verstärkt dem Land- und Seeleben widmen will.Der Maestro, hat Intendant Weingarten beobachtet, wirke gelöst, manchmal gar befreit, seit er für sich diese Entscheidung getroffen habe.Und bisweilen wirkt er, auch in New York, ein wenig melancholisch.Die Vermutung gilt: Momente, wie am Ende des vierten Mahler-Satzes, zum Beispiel, werden ihm fehlen, beim Segeln vor Sardinien oder beim Wandern im Fextal.

Und wem wird Abbado fehlen? Ganz schwierige Frage.Viele Antworten und doch keine.Am Abend, im Parkett, kurz vor dem Auftakt zu Bruckner-Fünf, eine Stimme, sehr streng, offenbar im Bilde: Er arbeite zu selten wirklich mit dem Orchester.Bei Mahler, hatte es gestern beim Bier geheißen, bei Mahler könne man dem Orchester ruhig ein wenig Freiheit lassen.Auch deshalb sei Mahler zum Ereignis geworden.Aber bei Bruckner? Da muß mehr gearbeitet werden, spricht die Parkettstimme.

Abbados Arbeit.Um die Bedeutung der Debatte zu verstehen, muß man wissen, daß dem Berliner Philharmonischen Orchester niemals ein neuer Chefdirigent einfach vorgesetzt wird.Die Philharmoniker, so will es das Statut, küren den Kandidaten ihrer Wahl selbst zum Chef, mehrheitlich."Das Orchester", sagt Weingarten, "hat einen enorm hohen Anspruch." Und das nicht nur in bezug auf seinen Leiter.Was man zum Beispiel daran ablesen kann, daß so mancher Bewerber um eine feste Anstellung als Musiker nach Ablauf der Probezeit wieder verabschiedet wird.Besonders bei den Bläsern, wird erläutert, wisse jeder, daß schon ein kleiner Kiekser, ein nicht richtig getroffener Ton, in solch einer Bewerbungssituation weitreichende Folgen haben kann.Die meisten, die zur Probe mitspielen dürfen, geben dafür feste, oft lukrative Posten auf.Die, die es geschafft haben, sind sich einig: "Diese Situation hat für junge Musiker existentiellen Charakter."

Fünfter Tag

Viertel vor Zehn, Park Avenue, beste Gegend.Hier wohnen Stephen Kellen und seine Frau Anna-Maria.Ihre Namen finden sich seit Jahren auf allen Programmankündigungen der Philharmoniker-Gastspiele in New York.Kellen ist 84 Jahre alt und hat als Investmentbanker nach dem Zweiten Weltkrieg geholfen, das Bankhaus seines Schwiegervaters wieder aufzubauen.Erst kürzlich hat er mit einer großen Spende die Gründung der Berliner American Academy ermöglicht.Sie residiert nun im Hans-Arnhold-Center, dem Hause des Schwiegervaters am Wannsee.Die Berliner Philharmoniker, findet Kellen, seien durch ihre Gastspiele eine der wichtigen Brücken zwischen den USA und Europa.Deshalb fördert er das Orchester, ermöglicht auch dieses Gastspiel.Stephen Kellen wurde in seiner Berliner Heimat verfolgt, 1936 von den Nazis vertrieben, kehrte kurz nach dem Krieg nach Europa zurück, um dort am Wiederaufbau mitzuhelfen, wo man ihn seiner Existenz beraubt hatte.

Abends Ravels "La Valse" in der Carnegie Hall.Das letzte New Yorker Konzert der Tournee in diesem Jahr, das 40.insgesamt.Hatte es da nicht eben kurz gekiekst im Philharmoniker-Blech? Gedanken an Mahler-Drei, Maestro-Melancholie, Chemnitz, an Stephen Kellen und an existentielle Fragen - in der Probezeit und im Leben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar