Mahner, Essayist, Aktivist : Der Dampfmacher

Der Schriftsteller Ralph Giordano sagt: „Ich habe der Gestapo, ich habe Hitler, ich habe diesem ganzen Morduniversum die Zähne gezeigt – ich habe überlebt.“ Jetzt feiert er seinen 90. Geburtstag

Caroline Fetscher
Foto: Oliver Berg/dpa Foto: dpa
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Auch wenn er als Schriftsteller, Mahner, Aktivist und Essayist einen eher vergeistigten Eindruck macht: Es passt zu Ralph Giordano, dass er Dampfmaschinen sammelt. Denn Dampf machen und die Dinge vorantreiben, das kann er – mit Worten. Giordano ist ein Überlebender des NS-Regimes. Vor einem Jahr erinnerte er sich in einem Interview, die Furcht „vor dem jederzeit möglichen Gewalttod“ sei für ihn das zentrale Lebensgefühl gewesen, spätestens seit der Reichspogromnacht im November 1938. Doch zugleich erklärte er: „Ich habe der Gestapo, ich habe Hitler, ich habe diesem ganzen Morduniversum die Zähne gezeigt – ich habe überlebt.“

Vor 90 Jahren am 20. März 1923 geboren, wuchs Giordano in Hamburg-Barmbek auf. Beide Eltern waren Musiker, der Vater stammte aus Sizilien, die Mutter aus einer Familie deutscher Juden. Wegen ihr musste er das Elitegymnasium Johanneum nach der elften Klasse verlassen. Der Schüler erfuhr erst Diskriminierung, später Ausgrenzung, Gestapo-Arrest und rohe Gewalt. Daraufhin schwor er sich, in eine Welt, in der Derartiges passieren konnte, keine Kinder zu setzen. Um die Mutter vor der Deportation zu retten, hatte die Familie die letzten Kriegsmonate in einem Kellerversteck verbracht. Nach der Befreiung plante Giordano mit seinem Bruder, einen ihrer sadistischen Gymnasiallehrer zu liquidieren, im letzten Moment schreckten sie davor zurück.

Kaum zu ertragen war für ihn, dass Gräuel und Grausamkeiten ungesühnt blieben – es wurde sein Lebensthema. Nach 1949 fühlte er sich zunächst von der DDR und deren Antifaschismus angezogen, besuchte Mitte der fünfziger Jahre die Schriftstellerschule in Leipzig, bis seine Erkenntnisse über den Stalinismus ihn zurück in den Westen brachten. Er arbeitete für die „Jüdische Allgemeine Wochenzeitung“ und fand als Dokumentarfilmer den Weg zu NDR und WDR. Immer wieder befasste er sich mit totalitären Systemen. Berühmt wurde sein Hauptwerk, die romanhafte, über 800-seitige Geschichte der Verfolgung seiner Familie. 1982 unter dem Titel „Die Bertinis“ erschienen, wurde sie 1988 für das ZDF verfilmt.

Ein klassischer Pazifist war er nie. Den Luftkrieg gegen Hitler-Deutschland habe es geben müssen, betonte er, den Sturz des Saddam-Regimes im Irak begrüßte er. Jetzt entsetzt ihn der erneute Rechtsextremismus wie Antisemitismus. Ruhe geben? Das würde nicht zu ihm passen. cf

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