Kultur : Mahnmeile statt Mahnmal?

CHRISTIAN MEIER

Das Konzept des "Augen zu und durch" taugt nicht: zur Diskussion um das Gedenken an die deutschen VerbrechenVON CHRISTIAN MEIERDoch, wir sollten ein Monument, das an die deutsche Vernichtungspolitik und ihre Opfer erinnert, in unserer alten neuen Hauptstadt errichten.Daran muß meiner Überzeugung nach festgehalten werden. Aber ob man, wie jetzt geplant, ein eigenes Denkmal für die ermordeten Juden zu bauen hat, ist zumindest fraglich.Daß das vorgesehene Grundstück dafür geeignet sei, hat sich jedenfalls als unwahrscheinlich herausgestellt.Daß darüber beim gegenwärtigen Stand eine auch nur halbwegs begründbare Entscheidung getroffen werden kann, ist auszuschließen. Die Diskussionen der letzten Monate haben sich fast nur um die Entwürfe für das Holocaust-Denkmal am Brandenburger Tor gedreht.Neben dem ästhetischen Pro und Contra ist mehrfach auch das Argument vorgebracht worden, das mir im Zweifel durchschlagend zu sein scheint: Alle diese Denkmäler, besonders der Stelenwald von Serra/Eisenman, wären gegen die Gefahr von Verunstaltungen nur zu schützen, indem man Vorkehrungen träfe, die auf unerträgliche Weise an Lager erinnerten.Sonst hat man zu gewärtigen, was Eisenman liebenswürdigerweise schon mal angekündigt hat, daß es nämlich angesichts von Hakenkreuzen und anderen Schmierereien heiße, das sei eben der Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte. Indem man sich aber auf diese Probleme konzentriert hat, ist etwas anderes ganz aus dem Gesichtsfeld geraten: Bundesrepublik und Berlin können das Holocaust-Denkmal nicht isoliert betreiben.Wenn Berlin auch de facto wieder zu unserer Hauptstadt wird, wird sichtbar ein neuer Anfang gesetzt.Das kann nur im Bewußtsein historischer Verantwortung geschehen.Was ein Staat ist und sein will, wird überlicherweise und aus guten Gründen in seinem Zentrum sinnfällig gemacht, im Stadtplan, in repräsentativen Gebäuden, Plätzen, Sichtachsen, Alleen etc., aber eben auch in Denkmälern.So muß sich gerade die Bundesrepublik nicht nur im Reichstag, im Kanzleramt, am Platz der Republik darstellen, sondern auch in Monumenten der Erinnerung. Was die fernere Vergangenheit angeht, wie ihrer etwa Unter den Linden und am Großen Stern gedacht wird, kann man lassen, wie es ist.Das Problem besteht darin, wie wir jenes Stück unserer Geschichte, das uns und weite Teile der Welt mit der Zeit eher mehr als weniger peinigt und beunruhigt, in der Stadt monumental präsent machen wollen, genauer gesagt: wie unser Verhältnis dazu repräsentiert werden soll. Das aber kann nur sehr umsichtig geplant und verwirklicht werden.Gedenken verlangen die Gefallenen, die Opfer des Luftkriegs und der Vertreibung, Männer wie Frauen und Kinder; verlangen die auf Grund deutscher Vernichtungspolitik Gemordeten, allen voran die größte und am konsequentesten verfolgte und ausgerottete Gruppe der Juden, aber auch die Zigeuner, die Opfer der "Euthanasie", Millionen nichtjüdischer Polen, Millionen russischer Kriegsgefangener, Zeugen Jehovas, Homosexuelle, politische Gegner, darunter zahlreiche Kommunisten. Nach gegenwärtigem Diskussionsstand dient die Neue Wache dem Gedenken an alle diese Gruppen zusammen.Während die Juden zusätzlich ein eigenes Denkmal bekommen sollen, ist ein entsprechender Anspruch der anderen Gruppen auf eigene Denkmäler zwar grundsätzlich zugestanden, ohne daß dafür jedoch schon konkrete Pläne bekannt geworden wären. Dies aber ist absurd.Zu allermindest müßte man sich doch Rechenschaft darüber ablegen, wo und wie man den Ansprüchen der andern Opfergruppen genügen will.Will man den Bezirk Mitte oder gar die ganze Stadt nach geeigneten Plätzen abklappern? Oder will man, da man die Serie der Denkmäler kaum um den Reichstag wird gruppieren wollen, im Anschluß an das Holocaust-Denkmal eine Art Mahnmeile in den Tiergarten legen? Und wie kann man dafür Sorge tragen, daß sie in einem vernünftigen, letztlich doch wohl proportionalen Verhältnis zueinander gestaltet werden? Wie sollen sie aussehen, um sich nicht zu stören, vielleicht gar zu übertrumpfen, an Qualität oder Ausmaßen? Oder will man das wirklich dem Zufall überlassen? Es ist ein Unding, daß die künftigen Sitze von Bundestag, Bundesrat, Regierung und Ministerien penibel und umfassend geplant werden, die monumentale Erinnerung an die schlimme Vergangenheit hingegen nicht. Übrigens muß man sich noch einige andere Konsequenzen vor Augen führen und sich fragen, ob man sie will.Sollen künftig etwa am 27.Januar die Spitzen der Republik an allen Denkmälern für die Opfer der Vernichtungspolitik Kränze niederlegen und gleich viele Sekunden - oder eher proportional gestuft - in stummer Betroffenheit davor verharren? Doch wie immer dem sein mag, der Weg von der Neuen Wache zum Holocaust-Denkmal für die Juden hätte jedenfalls kein Ende, bevor nicht mindestens sieben weitere repräsentative Denkmäler errichtet worden wären.Und dann hätten wir immer noch kein zentrales Denkmal, durch das die Vernichtungspolitik der deutschen NS-Zeit in ihrer Gesamtheit und nicht nur ratenweise erinnert würde.Schließlich ist Deutschland in einer völlig anderen Lage als alle anderen Länder der Welt, weil wir nicht nur der Opfer, sondern auch der Untaten selbst zu gedenken haben.Wir würden uns aus der eigenen Geschichte davonschleichen, wenn wir uns mit der Opfer-Ehrung begnügten (oder uns gar, wie es immer beliebter wird, mit den Opfern identifizierten). Wer jetzt über das Holocaust-Denkmal entscheiden will, muß also eine Antwort auf die Frage wissen, ob wir wirklich die daraus sich ergebende Konsequenz eines ganzen und dann immer noch ungenügenden Denkmalsensembles in Kauf nehmen wollen.Die Gegenfrage würde lauten, ob nicht der Weg falsch (und praktisch unbegehbar) ist, der von der einen Gedenkstätte notwendig zur zweiten und dann noch sieben andern führt.Anders gesagt: dürfen wir wirklich am Ausgangspunkt dieses Weges, der jetzigen Gestaltung und Widmung der Neuen Wache festhalten? Die Gemeinschaft der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, derer dort in stolzen goldenen Lettern gedacht wird, ist während des Kalten Krieges in Bonn gestiftet worden, als man noch kaum eine Vorstellung von der ganzen Ungeheuerlichkeit der deutschen Vernichtungspolitik hatte, als man vor allem noch übersehen und verdrängen konnte, wie groß der Kreis der direkt und indirekt daran Beteiligten war, wie viele "Opfer des Krieges" also vermutlich "Täter" nicht nur der Gewaltherrschaft, sondern eben der Vernichtungspolitik waren.Heute muß diese Opfergemeinschaft geradezu grotesk anmuten.Und man fragt sich, was sich eigentlich unsere Staatsfrauen und -männer denken, wenn sie dort (außer den übrigen Gefallenen und Kriegstoten) Täter und Opfer des größten Verbrechens gegen die Menschheit in trauter Gemeinsamkeit mit denselben Kränzen und Ehrerweisungen bedenken.Wahrscheinlich gar nichts, denn sonst müßten ihnen dabei doch wohl die Haare zu Berge stehen. Nach meinem Urteil ist es überfällig, diese widersinnige Opfergemeinschaft endlich aufzulösen, und geboten, gegen die Neue Wache ein einziges Denkmal für die deutschen Untaten und ihre Opfer zu setzen.Doch mag das hier dahinstehen.Worum es im Moment geht, ist allein, daß das Problem des monumentalen Gedenkens der Republik an das schlimmste Stück unserer Vergangenheit in seinem ganzen Zusammenhang bedacht werden muß.Erst danach kann entschieden werden.Wir brauchen ein Gedenken, das allen gerecht wird und das nicht nur die Würde der Opfer, sondern auch die der Republik und ihrer Hauptstadt zur Geltung bringt (und in dem die Urheberschaft der Untaten nicht verschwiegen wird). Das hat mit Wahrhaftigkeit, mit Verantwortung, aber auch mit sehr praktischen Fragen zu tun.Es ist eine Herausforderung für staatsmännisches Denken.Die Diskussion darüber hat noch kaum begonnen.Das übliche Rezept des Augen zu und durch ist dabei wenig dienlich. Andernfalls wird nicht nur nichts als Stückwerk entstehen, sondern es wird sich die Einsicht neu bestätigen, die Manfred Rommel, etwas hart, so ausgedrückt hat: Die Dummheiten von heute sind die Zwangsläufigkeiten von morgen.Daher hat der Regierende Bürgermeister alles für sich, wenn er gegen eine Entscheidung im gegenwärtigen Moment eintritt.Der Vorwurf, er melde sich zu spät, ist wohlfeil.Erstens ist späte Einsicht immer noch besser als gar keine.Zweitens ist die Fähigkeit zu lernen, entgegen dem hierzulande herrschenden Vorurteil, kein Makel, sondern ein Zeichen von Verstand.Und drittens ist ja wirklich vieles noch zu bedenken, von dem bisher kaum die Rede war, da die Diskussion sich weithin am Holocaust-Denkmal festgemacht hat. Wobei einzuräumen ist, daß die Aufgabe weiß Gott außerordentlich schwer ist; im Hinblick sowohl auf die Vergangenheit wie auch auf die Probleme, die sich uns mit der Repräsentation der Republik, auch mit der republikanischen Würde, stellen, wenn es darum geht, als was und wie wir die Berliner Republik einrichten und durchhalten wollen. Der Autor ist Historiker und Präsident der Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt.

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