Kultur : Maiblüten

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SCHREIBWAREN

Steffen Richter über

Giganten im Frühling

Ach, was ist das demodé!, seufzt der Zeitgeist. Geschichte, Arbeit, Allgemeingut – wer sein poetisches Universum um solche Begriffe gruppiert, hat derzeit schlechte Karten. Wenn er sich auch noch für jenes „Unerledigte“ interessiert, in dem „die Widersprüche rumoren“, dann passt er kaum in die heutige Landschaft. Er ist Dramatiker, Lyriker, Essayist, Erzähler. Und in allen Disziplinen brillant. Einen Tusch also für diesen Autor! Einen Tusch für Volker Braun , der am 7. Mai seinen 65. Geburtstag feiert.

Man muss Braun nicht vorstellen. Nicht, nachdem er vor vier Jahren den Büchnerpreis erhielt. Viele wissen, dass der sächsische Dichter Braun seinen ersten historischen Schock angesichts der „leuchtenden Trümmer“ seiner Heimatstadt Dresden erfuhr. Und dass er in der DDR, umringt von einigen Dutzend Stasi-Spitzeln, unkorrumpierbar blieb. Dem komplizierten Volker Braun ging es immer ums ganz Einfache – und einfach ums Ganze: den Anspruch auf ein Leben in Würde - und was dem entgegensteht. Sei es in den dialektischen Seiltänzen des „Hinze-Kunze-Romans“ oder der immer wieder Fortsetzungen zeugenden „Unvollendeten Geschichte“. Sei es in „Lenins Tod“, dem Theaterstück, das nicht ohne Grund 18 Jahre in der ostdeutschen Schublade schmorte. Oder in der Komödie „Die Übergangsgesellschaft“, die klarsichtig verkündet: „Wenn wir uns nicht selbst befreien, bleibt es für uns ohne Folgen.“ Ob die Befreiung 1989 stattfand? Braun misstraut endgültigen Lösungen. „Da vorne ist nicht“, bekennt er, sei einer seiner Lieblingssätze.

Die Geburtstagsfeier findet am 6.5. in der Literaturwerkstatt statt (20 Uhr). Mit ihren Texten gratulieren unter anderem Christa und Gerhard Wolf, F.C. Delius, Kerstin Hensel, Bert Papenfuß, Peter Gosse und Ulla Unseld-Berkéwicz. Wer dabei sein will, sollte sich sputen, die Karten sind rar.

Doch auch andere dichten in dieser Woche. Zum Beispiel Yves Bonnefoy , der große Neosymbolist, der in der Tradition von Rimbaud, Mallarmé und Valéry zu einem der wichtigsten Lyriker des französischen 20. Jahrhunderts geworden ist. Seine „Poetologie der Abwesenheit“, die Sprechen und Schweigen artistisch umspielt, lässt sich heute (20 Uhr) in der Literaturwerkstatt bewundern.

Mit Paul Auster gastiert ein weiterer literarischer Gigant in Berlin. Zumindest war der Autor der „New York Trilogie“ einmal Gegenstand maßloser Bewunderung. Ob aber sein neuer Roman „Die Nacht des Orakels“ (Rowohlt) hält, was der große Name einmal versprach? Wieder einmal verirrt sich ein Schriftsteller in den Labyrinthen New Yorks und zahlreicher Erzählstränge. Als ob diese gern als „postmodern“ deklarierte augenzwinkernde Selbstbezüglichkeit sich nicht längst totgelaufen hätte! Ach, hat sie gar nicht? Nun, dann auf ins Deutsche Theater (am 7.5., 21 Uhr 30)!

Ebenfalls am 7.5. macht Peter Kurzeck mit „Ein Kirschkern im März“ (Stroemfeld) im Literaturhaus Station (20 Uhr). Angesichts eines Kirschkerns, sinniert er, „fallen einem alle früheren wieder ein. Und die Tage und Orte dazu.“ Kurzecks autobiografisch grundierte Erinnerungsbücher erzählen auch ein Stück Mentalitätsgeschichte der alten Bundesrepublik. Für sein ambitioniertes Schreiben hat er kürzlich den Preis der Literaturhäuser erhalten. Das ist erfreulich. Es soll ja Menschen geben, die Kurzecks literarische Ahnherren von Proust bis Joyce für antiquiert halten.

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