Maike Sander : Papier dampft aus dem Topf

In der Galerie Doerrie Priess: Vögel, Hunde, Hasen, Mufflon: Die Skulpturen von Maike Sander zeigen Tiere. Den angesagten gravitätischen Umweg, hinter der sichtbaren Kunst noch etwas anderes zu verstecken, nimmt sie nicht.

Thea Herold

Ihr genügt für die erste Berliner Einzelausstellung der formale Reiz der Skulptur und die Herausforderung des traditionellen Mediums. Und sich in diesem Bereich autonom und virtuos zu bewegen – das ist ja nicht wenig.

Die Entscheidung hat sich gelohnt. Sanders formale Reduktion wird durch eine klare Materialentscheidung zusätzlich untermauert. Und: keine Farben! Die Körper ihrer Tierplastiken (900–4200 €) modelliert sie ausnahmslos aus Wellpappe und Packpapier. Allein wie sie damit raumgreifende Dynamik erzielt, ist faszinierend. Aber dann überzieht sie den rohen Korpus ihrer Viecher mit einer letzten Lage, fast wie mit Haut. Es sind tatsächlich organische Strukturen, nämlich grünschwarz glänzende Meeresalgen. Jenes der asiatischen Küche entlehnte Sushi-Papier umhüllt ihre Plastiken allerdings nie komplett. Voller Absicht bricht der Unterbau immer wieder durch. Statt die Sicht auf das Gemachte, diese fragilen, zerknautschten und gerissenen Innenstrukturen, gnädig verschwinden zu lassen, geschieht das Gegenteil. Ebenso gelingt ihr, die besondere Bewegungsenergie im Flügelschlag, bei Rückenlage oder ganz besonders in der Gruppenstudie der Hunde sichtbar zu machen. Und auch die innewohnende Vergänglichkeit wird schmerzhaft klar.

Ganz anders führt Maike Sander den Blick bei ihren gegenständlichen, aber nicht animalischen Raumskulpturen. Hier wird mit Papier und Pappe festgehalten, was man für gewöhnlich spürt, ohne es zu sehen. Ein rauchender Gedankenblitz – ohne Kopf. Einen Pistolenknall – ohne Schuss. Ein dampfender Topf – ohne Wasser. Mit lakonischem Vergnügen dichtet sie hier ihrer plastischen Arbeit dann doch eine metaphysische Ebene zu und hält für einen Augenblick die Welt an. Das Ergebnis präsentiert die Künstlerin wie Trophäen des Moments. Eine Erinnerung, ein Blick, im Alltag gefunden, gejagt und nun zum Gedenken an die Wand getackert. Damit verwandelt Sander die Galerie in eine skurril feudale Kammer, wo es Jäger, Treiber und Gejagte gibt. Beredte Stille in den ergänzenden Zeichnungen (schwarzer Edding auf Folie, jedes Blatt 420 €). Und prachtvoll geknautschter Dampf.

Galerie Doerrie Priess, Yorckstraße 89 a; bis 7. März, Mi–Fr 14.30–18.30 Uhr, Sa 12–16 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar