Mailänder Scala : Riccardo Chailly verbeugt sich vor Claudio Abbado

Dem Gedenken an seinen Mentor Claudio Abbado widmet der designierte Scala-Chefdirigent Riccardo Chailly eine Aufführung von Verdis "Requiem". Die Scala blickt zuversichtlicher in die Zukunft als viele andere Opernhäuser in Italien.

von
Riccardo Chailly
Riccardo ChaillyFoto: Brescia/Amisano © Teatro alla Scala

Gleich zwei Mal hintereinander verstolpert sich die spanische Sopranistin Montserrat Caballé beim "Libera me" in Giuseppe Verdis "Messa da Requiem" und bricht in glockenhelles Lachen aus. Auch Claudio Abbado schafft es nicht, ernst zu bleiben. "Schau mich besser nicht an", witzelt er, bevor die Probe in der Mailänder Kirche San Marco mit dem gebührenden Ernst weitergehen kann. Diese lustige Szene hat Norbert Beilharz in seinem 1985 gedrehten Dokumentarfilm "Lux Aeterna" festgehalten.

Als Abbado mit dem Orchester und Chor der Scala an den Ort der Uraufführung von 1874 zurückkehrte, hatte er als Musikdirektor des nahegelegenen Opernhauses Verdis berühmtes Werk seit Anfang der siebziger Jahre bereits mehr als 40 Mal im In- und Ausland dirigiert. Ein weiteres Mal sollte es für ihn in Mailand nicht mehr geben, denn schon ein Jahr später schied er im Streit und ging als neuer Chef an die Wiener Staatsoper.

Nicht nur als Verdi-Dirigent, sondern auch als Erneuerer des Opern- und Konzertbetriebs hat Abbado das Musikleben der Stadt über viele Jahre geprägt. Zum Gedenken an seinen im Januar verstorbenen Mentor hat Riccardo Chailly, ehemals Abbados Assistent an der Scala, das "Requiem" jetzt mit einer Starbesetzung aufgeführt. Chailly, der im Januar den Stab von dem bisherigen Musikchef Daniel Barenboim übernimmt, verzichtete auf wuchtige Akzente und konzentrierte sich ganz auf farbenreiche Klangschönheit.

Die Sopranistin Anja Harteros und die Mezzosopranistin Elina Garanča waren bereits bei früheren Aufführungen unter Barenboim als Idealbesetzung aufgeboten worden. Mit wohldosiertem Vibrato gelang es ihnen, Dramatik und Innerlichkeit der "Totenmesse" eindringlich zum Ausdruck zu bringen. Anders als der Bass Ildebrando D'Arcangelo konnte der als Ersatz aus London eingeflogene Amerikaner Matthew Polenzani in seiner Partie nicht restlos überzeugen, fehlte ihm doch die Strahlkraft von Jonas Kaufmann, der wegen einer Halsentzündung kurzfristig ausgefallen war. Beim langen, warmen Schlussapplaus ließ Chailly den Platz auf dem Podium frei, um seinem Freund Abbado die Ehre zu erweisen.

Claudio Abbado dirigiert Verdis "Messa da Requiem", Aufnahme aus dem Jahr 1980
Claudio Abbado dirigiert Verdis "Messa da Requiem", Aufnahme aus dem Jahr 1980Foto: Lelli e Masotti © Teatro alla Scala

Für den Mailänder, der das "Requiem" zum ersten Mal an der Scala dirigierte, waren die beiden Sonderkonzerte zu Beginn der Abbado gewidmeten Saison ein ernstzunehmender Stimmungstest. Denn das notorisch kritische Scala-Publikum hatte keinen Hehl daraus gemacht, mit Barenboim eher unzufrieden zu sein. Nicht zuletzt seine Verdi-Interpretationen waren weder bei den Zuhörern noch im Orchester auf große Zustimmung gestoßen.

Chailly, der bereits als Gewandhauskapellmeister in Leipzig eine lange Tradition fortzuführen hat, will sich nun verstärkt der Pflege des kulturellen Erbes seiner Heimat widmen. Und an Giuseppe Verdi führt in Mailand kaum ein Weg vorbei. Im Museum des Opernhauses sind eine Verdi-Büste, Porträts, das Autograph des "Requiems" und die Totenmaske des Komponisten ausgestellt. Im noblen Grand Hotel et de Milan, wo Verdi am 27. Januar 1901 starb, kann man noch seine Wohnräume zu besichtigen, die historisch getreu mit ausladenden Sitzmöbeln, verzierten Spiegeln und schweren roten Vorhängen eingerichtet sind.

Für die kommenden Saisons hat Chailly angekündigt, die "Messa da Requiem" jedes Jahr im Oktober auf den Konzertkalender zu setzen. Am Pult will er sich dabei mit anderen ausgewiesenen Verdi-Kennern abwechseln. Außerdem plant Chailly, häufiger italienische Opern anzusetzen. In der kommenden Spielzeit, in der in Mailand die Expo 2015 beginnen wird, hat die Scala angesichts des erwarteten Besucherandrangs aus aller Welt ein besonders umfangreiches Programm vorgestellt. Angekündigt sind auch die Berliner Philharmoniker mit ihrem Chef Simon Rattle und die Wiener Philharmoniker unter Mariss Jansons.

Allerdings könnte gleich zur Expo-Eröffnung am 1. Mai die unter Chaillys Leitung vorgesehene Premiere von Puccinis "Turandot" ins Wasser fallen. Denn die allzeit kampfbereiten Gewerkschaften wollen am Tag der Arbeit keine Arbeitseinsätze tolerieren.

Überdies ist der Anfang September angetretene neue Scala-Intendant Alexander Pereira zunächst nur bis Ende 2015 im Amt bestätigt worden. Denn die Scala-Stiftung wollte es sich nicht bieten lassen, dass Pereira noch zu seiner Zeit als Chef der Salzburger Festspiele den Verkauf von vier Opernproduktionen an Mailand in die Wege geleitet hatte.

Auch wenn an der Scala immer wieder Streiks oder andere Turbulenzen drohen, ist das Haus im Vergleich zu anderen Operntheatern im Krisenland Italien geradezu ideal aufgestellt. Erst vor wenigen Tagen unterzeichnete Kulturminister Dario Franceschini ein Dekret, das dem Mailänder Opernhaus und der Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom mit ihrem von Antonio Pappano geleiteten Orchester eine "Sonderautonomie" zugesteht. Beide Institutionen erhalten dadurch unter anderem mehr Planungssicherheit bei der Zuteilung staatlicher Zuschüsse. Mailands Bürgermeister Giuliano Pisapia wies darauf hin, dass die Scala immerhin in den letzten sieben Rechnungsjahren ein ausgeglichenes Budget vorweisen konnte.

Wesentlich schlechter sieht es für die mit rund 30 Millionen Euro Altschulden belastete Oper von Rom aus. Kurz nachdem Riccardo Muti wegen ständiger Streiks das Handtuch geworfen hatte, wurden alle 182 Orchester- und Chormitglieder entlassen. Künftig sollen sie nur noch als "Externe" den Musikbetrieb bestreiten. Wegen der chaotische Finanzlage ist außerdem Nicola Luisotti als Generalmusikdirektor des Teatro San Carlo in Neapel zurückgetreten und in Bari der Musikchef des Teatro Petruzzelli, Daniele Rustioni. Die in einer Stiftung zusammengeschlossenen Opernhäuser Italiens stehen derzeit mit insgesamt über 392 Millionen Euro in der Kreide. Für die Scala will Pereira indes massiv Privatsponsoren im Ausland anwerben – sicherlich auch mit dem Hintergedanken, seine Position in Mailand über das Jahr 2015 hinaus zu retten.

 

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben