Kultur : Makel des Mangels

Was darf Kunst kosten? Eine Berliner Diskussion.

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Die Antwort könnte lauten: hundert Milliarden. Oder auch: gar nichts. Aber derart konkret wollte es am Ende eigentlich niemand wissen. „Was darf Kultur kosten?“, so war eine Veranstaltung überschrieben, zu der die Grünen-Abgeordnete Lisa Paus ins Haus der Berliner Festspiele eingeladen hatte. Große Frage, schwere Frage! Aber dafür haben wir ja die Politik: dass sie auch mal dahin geht, wo’s ungewiss wird und wehtut. Entsprechend lockte der Untertitel provozierend: „Kulturförderung zwischen Staatsauftrag und freier Szene“. Aber keine Sorge: in die Falle des Verteilungszwists Groß gegen Klein mochte an diesem Abend niemand tappen. Gekommen waren Christopher Knoch, Sprecher der Koalition der freien Szene, Martin Rennert, Präsident der Universität der Künste, Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele sowie Grünen-Spitzenkandidat Jürgen Trittin, der seine Kultur-Credibility mit einer Jugendanekdote über das Bremer Fassbinder-Theater erneuerte.

Die vermeintliche Kluft zwischen den Staatskünstlern und den freien Kulturschaffenden erledigte Oberender schon im Eingangs-Statement. Indem er auf die zunehmende Prekarisierung der Institutionen verwies, die sich längst um die gleichen Drittmittel balgen wie die Projektemacher. Trauriges Beispiel: der Martin-Gropius-Bau, der eine Zuwendung unterhalb seiner Betriebskosten erhält. So ist das, wenn man in Berlin über Kultur spricht: Man will über den Wert diskutieren und landet doch wieder nur beim Geld. Durch die anstehenden Tariferhöhungen bei den Opern wird der Kulturetat der Hauptstadt nominell um circa acht Prozent wachsen – bei einer Vorgabe von höchstens 0,3 Prozent Steigerung, wie Knoch ausführte. Also: schön hinten anstellen, wer da künftig noch mehr verlangt. Zwar sollte die Perspektive mit Trittin und Oberender – dessen Institution ja vom Bund getragen wird – über die klamme Hauptstadt hinaus geweitet werden. Aber dort sind die Kulturaussichten ja nicht besser: „Insgesamt zu wenig Geld im Topf“ (Trittin).

Was diese Allgemein-Misere gerade für die freien Existenzen bedeutet, lebte am Beispiel einer Künstlerin auf, die sich von Knoch die 2,40 Euro für die U-Bahn-Fahrt von Neukölln zum Ausstellungsraum im Wedding erbitten musste. Ob da Honoraruntergrenzen für senatsgeförderte Projekte helfen, wie sie mittlerweile auch von den Grünen gefordert werden? Der Abend endete mit Statements von bestürmender Grundsätzlichkeit: „Ich sehe keinen kulturpolitischen Plan bei irgendeiner Partei“, stellte Oberender unter Jubel fest. Und Rennert forderte, die Titelfrage der Debatte umzudrehen: „Was wird es kosten, wenn die Kultur nicht mehr da ist?“ Freilich: Antworten gab’s auch darauf nicht. Patrick Wildermann

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