Kultur : Makellos vergrübelt - Im Kammermusiksaal der Philharmonie

Martin Wilkening

Seit Mitte der neunziger Jahre konzertiert das Hugo-Wolff-Quartett aus Wien international mit großem Erfolg. Der erste Geiger kommt aus Korea, die Mitspieler aus der Schweiz, Österreich und Kasachstan, ihre Weltmusik ist die klassische Streichquartettkunst. Eine unlängst erschienene CD dokumentiert mit Musik von Haydn bis Ligeti den Rahmen des umfangreichen Repertoires. Dass man in Berlin erst jetzt mit diesem außerordentlichen Ensemble bekannt werden konnte, zeigt wieder, dass diese Stadt in der Kammermusik nicht die Nase vorn hat. Der philharmonische Kammermusiksaal war erstaunlich gut besucht. Vielleicht auch wegen des klassisch-romantischen Programms. Dies jedoch war ganz und gar nicht als Konzession an einen breiteren Publikumsgeschmack entstanden, sondern folgte innerer Logik. Auch die intelligente Spielweise dieses Quartettes ist weit davon entfernt, irgendeinen oberflächlichen Stilbegriff zu reproduzieren - jedes Stück war in diesen Interpretationen als Kunstwerk von ganz erstaunlicher Individualität neu zu erfahren. Smetanas fast nie gespieltes 2. Streichquartett und Beethovens rätselhaftes opus 132 lassen sich ohnehin nicht anders denken. Allen drei Stücken dieses Abend eignet etwas vergrübeltes, nicht zuletzt im Griff auf längst vergangene barocke Fugentechnik, im Blick über ihre Epoche hinaus. In Mozarts G-Dur-Quartett KV 387 verdeckt jedoch eine hübsche Oberfläche nur zu leicht, wie außerordentlich artistisch, fast manieristisch diese Musik gefügt ist.

Um das zu verdeutlichen, vermag das Hugo-Wolf-Quartett nicht nur den nötigen intellektuellen Blick aufzubieten, sondern auch eine absolut makellose Technik mit perfekter Intonation und eine außerordentliche Flexibilität in der Klanggestaltung, die den gesamten dynamischen Bereich mit gleicher Intensität erfüllt. In der meisterhaften Klangkultur, der Ausgewogenheit und vor allem in dem unaufdringlich dominierenden Silber-Ton des Primarius, der im Gedächtnis haften bleibt, erinnert das junge Quartett schon jetzt an das Amadeus-Quartett in seinen besten Zeiten. Eine Begegnung, die gespannt machte auf weitere, hoffentlich baldige Konzerte in Berlin.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben