Kultur : Mal ehrlich

Düsteres Sittengemälde: Norbert Blüm rechnet mit der globalen Finanzwelt ab

Karl Jüsten

Norbert Blüm steigt wieder in den Ring, um mit den Verächtern der Sozialen Marktwirtschaft und den Verfechtern des Neoliberalismus und eines ungezügelten Kapitalismus abzurechnen. Wer ihn kennt, weiß, dass Blüm auch nach Beendigung seiner Laufbahn als aktiver Politiker ein unermüdlicher Kämpfer für die kleinen Leute ist, deren Milieu er selbst entstammt und zu dem er sich liebevoll ganz zu Anfang seines neuesten Buches bekennt. Kundig, wortgewaltig und ohne Umschweife schaut er zurück auf die Finanzmarktkrise, erklärt ihre Ursachen und analysiert das Versagen von Bankern, Kreditnehmern, Analysten, Börsianern, Wirtschaftsbossen, Politikern, Journalisten und sonstigen Verantwortungsträgern. Er singt das Loblied auf die „ehrliche Arbeit“, die für ihn Dreh- und Angelpunkt allen wirtschaftlichen Erfolges ist. Ohne ehrliche Arbeit habe die Finanzwelt geglaubt, Werte schaffen zu können, das sei ein riesiger Irrtum.

Nein, die Finanzmarktkrise ist kein Naturereignis, sagt Norbert Blüm. Sie basiert auf Fehlverhalten, Fehleinschätzungen und individuellem schuldhaftem Versagen Einzelner. Blüm wittert Unverfrorenheit, kriminelle Energie, Geringschätzung realen Wirtschaftens und Gier als Triebfeder. Schuldig wurden nicht nur die Großen und Mächtigen, sondern auch kleine Leute und ihre Berater. Schuldig wurde die Politik, wenn sie allzu arglos die Märkte deregulierte und für hoch riskante Finanzgeschäfte Rahmenbedingungen schuf. Sie alle seien auf die Verlockungen der Finanzwirtschaft hereingefallen. Schonungslos hält er Gericht. Er beklagt, dass für persönliches und institutionelles Versagen bisher kaum einer juristisch belangt wurde. Blüm geißelt, dass die Folgen der riesigen Geldvernichtung sozialisiert wurden. Die eigentlich Leidtragenden sind die Armen in den sogenannten Entwicklungsländern und bei uns die, wie er zu sagen pflegt, rechtschaffenen Leut’.

So zeichnet Blüm ein düsteres Sittengemälde der Finanzwelt. Er sitzt zu Gericht über den Manchesterkapitalismus in den postsozialistischen Staaten, über die weltweite Korruption, über das Versagen der Politik, der Märkte, der Wirtschaft, der Eliten und der Wissenschaft. Das ein oder andere ist geläufig, manches ist zugespitzt, polemisch und überzeichnet. Herrn Ackermann von der Deutschen Bank kann man nicht für alles schuldig erklären. Immer ist ein moralisierender Ton unterlegt. Manche Passagen sind langatmig, man kann aber auf jeder Seite des Buches mit dem Lesen einsteigen und ist sofort mittendrin. Ermüdend sind auch die langen Passagen zum Gebaren der Finanzwelt nicht, denn der Autor fesselt mit seinem Sprachwitz, der uns von Talkshows vertraut ist, mit seiner Originalität und mit seiner detaillierten Sachkunde informiert er und kann seine Thesen belegen, auch wenn er auf einen wissenschaftlichen Apparat, wie er bei Doktorarbeiten vorgeschrieben ist, verzichtet. Das erleichtert den Lesefluss.

Besonders stark sind seine immer wieder eingestreuten Lebensberichte und Bekenntnisse. Er singt das Loblied auf die katholische Soziallehre, die sein Denken und politisches Handeln geprägt hat. Nach der Lektüre des Buches kommt man nicht umhin zu attestieren, dass in diesem Wirtschafts-, Sozial- und Gesellschaftsmodell nach wie vor die grundlegenden Prinzipien einer gerechten, solidarischen und gemeinwohlorientierten Grundordnung überzeugend bewahrt sind. Sie ist zukunftsfähig, auch wenn mancher Vertreter der christlichen Gesellschaftslehre daran selbst nicht mehr glauben mag. Für diese hat Blüm allerdings nur Spott und Hohn übrig.

Auf Basis dieser Lehre entwirft Blüm sein Hauptanliegen: Die Wiederentdeckung der ehrlichen Arbeit. In ihr kann der Mensch sich verwirklichen. In ihr findet er Lebenssinn und durch sie erwirbt er seinen Lebensunterhalt. Ehrliche Arbeit hat Anspruch auf einen gerechten Lohn. Das ist der Dreh- und Angelpunkt eines funktionierenden Arbeitsmarktes und der Wirtschaft. Er formuliert das in einem Interview drastisch: „Ehrliche Arbeit ist die, die tatsächlich was herstellt und nicht mit Seifenblasen handelt. Die sehen, was sie machen, strengen sich an. Das ist Arbeit, die ihres Lohnes wert ist. Die Leute zu bescheißen ist nicht des Lohnes wert.“ Mit ehrlicher Arbeit muss man sich und seine Familie ernähren können, teilhaben an den sozialen Sicherungssystemen und auch noch etwas für die mit erwirtschaften, die selbst nicht in der Lage sind, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen.

Blüm ist fest davon überzeugt, dass die Soziale Marktwirtschaft ideale Bedingungen für eine solche Arbeitswelt bereithält. Er plädiert für ein gemeinwohlorientiertes, gerechtes und solidarisches Verhalten aller, damit dieses Modell funktioniert. Und wo es an Moral mangelt, muss der Gesetzgeber ordnend eingreifen.

Norbert Blüm:

Ehrliche Arbeit. Ein Angriff auf den Finanzkapitalismus und seine Raffgier. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2011. 319 Seiten, 19,99 Euro.

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