Kultur : Mal ehrlich!

Schwindelkomödie für zwei Paare: Florian Zellers „Wahrheit“ am Renaissance Theater

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„Wenn die Leute von heute auf morgen aufhören würden, sich zu belügen, gäbe es kein einziges Paar mehr auf Erden“, beschwört Michel das Worst-Case-Szenario der Ehrlichkeit: „Und in gewisser Hinsicht wäre es das Ende der Zivilisation.“ Stimmt schon, rücksichtslose Offenheit führt im sozialen Miteinander zu Weltraumkälte. Aber so lange es Menschen wie Michel gibt, muss niemand zum Apokalyptiker werden. Der verheiratete Geschäftsmann hat eine Affäre mit der Frau seines besten Freundes. Und fährt für’s eigene Empfinden gut mit der Heimlichkeit, die er bei Bedarf zur Privatphilosophie erhebt. Wenn seine Geliebte Alice vom moralischen Kater geplagt wird und überlegt, ihrem Mann Paul reinen Wein einzuschenken, hebt Michel zur Standpauke an: „Es wäre egoistisch, ihm die Wahrheit zu sagen, nur um dein Gewissen zu erleichtern, sehr egoistisch!“ So kann man’s auch sehen.

„Die Wahrheit“ heißt das Stück des jungen Franzosen Florian Zeller, das Regisseur Ulrich Waller am St. Pauli Theater inszeniert und jetzt ans Renaissance Theater gebracht hat. Es ist eine gut geschriebene Schwindelkomödie mit zunehmend klaffenden Abgründen, ein Lust-, Lügen- und Versteckspiel für zwei Paare, im Geist von Vorbildern wie Harold Pinters „Betrogen“. Ausgehend vom Allerweltsplot der außerehelichen Vergnügung entwickelt Zeller einen gewitzten Ethik-Diskurs für Seitenspringer und Fortgeschrittene der Selbstsucht, bei dem bald nicht mehr klar ist, wer hier wen hintergeht. Und was die titelgebende Wahrheit ist, darüber darf weiter gestritten werden.

Die sieben pointierten Szenen und sehr unterhaltsamen 90 Minuten brauchen vor allem präzises Timing und hohe Energie. Beides bringen Waller und sein Ensemble mit. In der Rolle des Michel glänzt Herbert Knaup, der seinen Part mit MolièreEsprit und Woody-Allen-Komik angeht. Es dauert nicht lange, und der Heuchler gerät ins Schwitzen, weil seine Frau Laurence (schön undurchsichtig: Leslie Malton) das Alibi fürs Schäferstündchen im Hotel beiläufig platzen lässt. Von da an zieht Zeller die Fallstricke enger. Michel weiß kaum noch, was gespielt wird. Nicht mal, ob er seiner Affäre Alice (als treibende Kraft: Johanna Christine Gehlen) Glauben schenken kann. Die Begegnung zwischen den alten Freunden Michel und Paul – Thomas Heinze spielt ihn mit softer Oberfläche und kitzelndem Hintersinn – ist ein Höhepunkt des Doppeldeutigen, Unausgesprochenen, Verstrickungsseligen. Die Farce eines betrogenen Betrügers, der sich um Kopf und Kragen redet.

Zeller gibt der überraschenden Wendung den Vorzug vor letztgültiger Plausibilität. Aber das fällt nicht ins Gewicht in diesem Stück zur Vertrauenskrise, das die finale Beteuerung Michels höhnisch nachhallen lässt: „Die Dinge werden wieder so sein, wie sie waren, mein Schatz ...“ Patrick Wildermann

Wieder vom 12. bis 14. November

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