Kultur : Malen nach Zahlen

Die Sammlung Marx kehrt in den Hamburger Bahnhof zurück

Nicola Kuhn

„Do it yourself“ – dieser biedere Slogan für Bastelanleitungen in den Sechzigerjahren hat noch heute das Potenzial zur Provokation, rückt man ihn in einen anderen Zusammenhang. „Mach’s dir selbst“ – als Ausstellungstitel vermag diese Aufforderung Verwirrung zu stiften. Was denn, fragt man sich unweigerlich: ein Museum, die Kunst? Weder noch. Die Neupräsentation der Sammlung Marx im Hamburger Bahnhof ist alles andere als ein Aufruf zur Revolution in der Museumswelt. Sie knüpft stattdessen brav in jenen bastelfreudigen Jahren an, in denen allerdings die Künstler noch das Zeug zum Revoluzzer hatten und ihre Ausstellungsbesucher mit Gemälden provozierten, die schlicht Malanleitungen zeigten.

„Do it yourself“, überschrieb Andy Warhol deshalb sein Gemälde, eine halbfertige Landschaft der Machart „Malen nach Zahlen“, die heute zur Sammlung Marx gehört. Dieser frechen Geste wohnt noch immer eine Frische inne, der sich auch die Kuratoren des Museums für Gegenwart bedienen. Und sie meinen es ernst: Mach dir dein eigenes Bild, soll das heißen. Ein eigenes Museum braucht der Berliner Sammler Erich Marx ohnehin nicht mehr. Seit 1996 im Hamburger Bahnhof beheimatet, darf er nach der Präsentation der Flick-Collection nun im gesamten Hause wieder sämtliche Säle bespielen.

Und doch hat sich vieles geändert. Erstmals befindet sich die Ausstellungsregie ausschließlich in den Händen der Kustoden, Sammlungskurator Heiner Bastian assistierte nur beratend. Die immer wieder kolportierten Spannungen scheinen damit aufgelöst. Bei der gestrigen Eröffnung äußerte sich der Spiritus Rector der Sammlung artig voll des Lobes. Allein bei der Hängung, die Warhol nicht länger vor allem als Melancholiker und Chronist der „Desasters“, sondern als Multimedia-Talent und „Factory“-Begründer präsentiert, bekannte er Unbehagen. Indirekt beschrieb Bastian damit selbst die vollzogene Wandlung innerhalb der Präsentation: Das Kühle, Konzeptuelle, fast Leblose ist gewichen. Stattdessen werden die Werkblöcke durch animierende Gegenüberstellungen aus der Kunstgeschichte einer Revision unterzogen, die zwar keine Neubewertung der Sammlung nötig macht, aber ihren musealen Rang unterstreicht.

Nach der regelrechten Übermannung durch die Flick-Collection mit einer ausufernden Jason-Rhoades-Installation und dem Sex-Saloon von Paul McCarthy in der historischen Halle ist nun die rationale Sinnlichkeit, die feine Ästhetik, wieder eingekehrt. Die intellektuelle Kunst eines Gerhard Merz, dessen anspielungsreiche Deklaration „Ed io anche son Architetto“ auf rotem Grund den eintretenden Besucher begrüßt, ist ein Gegenprogramm zur triebhaft-expressiven Kunst, wie sie Flick bevorzugt kauft. Installationen von Beuys, Kiefer, Richard Long folgen auf Merz, klassisch durch Zwischenwände voneinander getrennt, fast wie Stationen der Moderne.

Ähnlich geschickt werden auch in der Grande Galerie die Positionen Twombly, Judd und Warhol hintereinander gestellt, so dass nicht Masse oder Monumentalität wie bislang bei Marx den Eindruck prägen, sondern die Großartigkeit der Einzelwerke. In dieser Qualität war Judd bislang noch nicht in Berlin zu sehen. Der Twombly-Raum mit den beiden Gipsabgüssen antiker Skulpturen zelebriert die Liaison des amerikanischen Malers mit dem Altertum. Gerade die überraschenden Einsprengsel wecken die Aufmerksamkeit für den Subtext der Werke. So wurden drei Gemälde Luc Tuymans’ mit einem Stillleben von Giorgio Morandi kombiniert, in dem eine ähnliche Zeitlosigkeit zu spüren ist – allerdings ohne die angehaltene Spannung des aktuellen Werks. Inmitten der 457 Zeichnungen des „Secret Block for a Secret Person“ von Jospeh Beuys, die erstmals vollständig gezeigt werden, sind Blätter von Caspar David Friedrich und Philipp Otto Runge als Brückenschlag zu sehen. Darüber prangt das Novalis-Zitat „Jeder Mensch sollte Künstler seyn“ – lauter Geistesverwandte.

Mit dieser Präsentation zeigt die Sammlung Marx eindrucksvoll ihren musealen Anspruch fern jeglicher Zeitgeistigkeit, wie sie mit der Flick-Collection in den Hamburger Bahnhof schwappte. Zugleich besteht darin ihr Problem, vielmehr das des Museums für Gegenwart, das etwa durch die Combine-Paintings Robert Rauschenbergs fulminant dasteht und doch zu sehr in der Vergangenheit, den glorreichen Sechzigern, angesiedelt ist. Die nötige Achsverschiebung zur Neuen Nationalgalerie hin, wo Nachkriegskunst und klassische Moderne beheimatet sind, wird damit überdeutlich. Die entsprechenden Weichen sind gestellt. Die Sammlung Marx soll künftig unbefristet in den Besitz der Staatlichen Museen übergehen. Auch darin gibt der Sammler seinem neuen Nachbarn Flick ein Beispiel.

Hamburger Bahnhof, bis 14. August, Di bis Fr 10–18, Sa 11–20, So 11–18 Uhr.

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