Kultur : Malen oder hassen

Wieder im Kino: Jacques Rivettes vierstündiges Meisterwerk „Die schöne Querulantin“

Jan Schulz-Ojala

Schon tollkühn. In einer Zeit, in der sogenannte neue Filme sich gern mit einer an den Titel angehängten „2“ schmücken, setzen kleine Verleiher immer wieder gezielt aufs gute, alte Original. Da mag der DVD-Markt noch so boomen: Martin Scorseses „Taxi Driver“, Stanley Kubricks „Dr. Seltsam“ oder auch Derek Jarmans „Caravaggio“ (Start 7. September) entfalten – wie jeder Kinofilm – erst auf der großen Leinwand ihre Magie.

Nun setzt der Flaxfilm-Verleih einen drauf und bringt Jacques Rivettes „Die schöne Querulantin“ (1991) wieder ins Kino. Und zwar nicht etwa das für Rivette-Verhältnisse geradezu kurzfilmkurze Zweistunden-„Divertimento“, sondern die für Cineasten allein verbindliche vierstündige Fassung. Zunächst wagen sich das Hamburger Abaton und die Berliner Hackeschen Höfe, zwei Tempel der Filmkunst, an das anachronistisch anmutende Abenteuer, mit solchem Großwerk mal eben die Abendprogrammschiene eines Saales zu monopolisieren. Andere Städte aber dürften folgen. Ein Mini-Nischenstart also? Als der Film vor 15 Jahren ins Kino kam, lief er mit zunächst nur vier Kopien – und begeisterte schließlich rund 200 000 Zuschauer.

Das Wiedersehen nun mit Jacques Rivettes einzigem internationalen Hit ist schlichtweg faszinierend. Mit majestätischer Beiläufigkeit hebt das Drama um den Neuanfang eines müde gewordenen Malers an und zieht den Zuschauer mit betörender Gelassenheit in seinen Bann – so wie die Kamera den seltsamen menschlichen Gegenständen ihres Interesses unmerklich näher und näher rückt. Da sind der Maler Edouard Frenhofer (Michel Piccoli), der in einem prächtigen südfranzösischen Kastell seit zehn Jahren den eigenen Ruhm nur mehr verwaltet. Da sind seine Frau Liz (Jane Birkin), als einstige Muse in unerhörter Fürsorglichkeit aufgehend, und die junge Marianne (Emmanuelle Béart): Sie wird Frenhofer Modell sitzen, damit er das große Fragment der „Belle noiseuse“ vollenden kann. Vierter im fragilen Bunde ist der junge, ehrgeizige Maler Nicolas (David Bursztein): Binnen fünf Tagen muss er fürchten, Marianne an Frenhofer zu verlieren. Oder doch eher an sie selbst?

„Die schöne Querulantin“, die man hierzulande auch, weniger querulatorisch, „Die schöne Widerspenstige“ hätte nennen können, ist ein scheinbar federleicht inszeniertes Meisterwerk – gründend auf Balzacs Novelle „Das unbekannte Meisterwerk“ (1832). Dort bereits trifft der junge Nicolas Poussin auf einen gewissen Frenhofer und leiht ihm, unter Männern, zwecks Behebung einer Schaffenskrise die Geliebte für ein paar Aktsitzungen aus. Bei Rivette nun werden diese wenigen Tage zu einem packenden Psycho-Duell zwischen Piccoli und Béart, zwischen Mann und Frau, Maler und Modell, Kunst und Leben. Wer ergreift von wem Besitz: die Kunst vom Leben oder das Leben von der Kunst? Am Ende steht ein Fiasko. Und ein Geheimnis. Und ein fast höfisch elegant dahingleitendes Gartenfest – eine Komödie, wie sie bitterer nicht denkbar wäre.

Natürlich ist Rivettes Film eine Dreiecks- und Vierecksgeschichte, aber alles, was das genretypische Assoziationsmaterial in Sachen französisches Kino gemeinhin evoziert, bleibt hier aus. Zwar ist Emmanuelle Béart in der langen Mitte des Films überwiegend nackt zu sehen; aber sie bewegt sich mit einer Energie und zugleich Würde, als sei ihre Haut eine Art Ritterinnenrüstung, ein jeglichen Aneignungsversuch abweisendes Kleid.

Mindestens ebenso minuziös interessiert sich die Kamera für die Widerspiegelungs- und geistigen Eroberungsnöte des Künstlers, für das Kratzen seiner Feder auf dem Skizzenblock und die Übertragung seiner Vision auf die Staffelei. So wirkt „Die schöne Querulantin“ mitunter wie ein Realzeit-Experiment: Nie war es im Kino aufregender, zwei einander umlauernden Menschen bei der schweigsamen Arbeit zuzusehen.

Was die Neubegegnung mit Rivettes so zugänglichem und sich den Lebensrätseln zugleich heiter ausliefernden Film am zwingendsten macht, ist das Trio Birkin, Béart und Piccoli. In der „Schönen Querulantin“ erscheinen alle drei Schauspieler auf unvergleichliche Weise bei sich. Emmanuelle Béart, damals 25, hat in dieser frühen großen Rolle noch nichts von jener bloß erotisch-romantischen femme fatale, als die sie bis heute im französischen Kino herumgereicht wird. Jane Birkin dagegen ist, nach skandalumwitterten Teenie-Anfängen und Ausflügen ins eher hysterische Interpretinnenfach, als Malergattin von Mitte vierzig erst durchscheinend sanft und dann, ohne von dieser Sanftheit zu lassen, von gespenstischer Zerstörungskraft.

Und Piccoli? Der einst mitteljunge Wilde des französischen Films, nunmehr Mitte Sechzig, ist zwischen den beiden starken Frauen die beneidenswert umkämpfte und bejammernswert scheiternde Hauptperson. Ein Tiger mit stumpfen Krallen, ein Vulkan, fast erloschen: der einsamste Mann der Welt.

Hackesche Höfe; Im November bringt Flaxfilm eine DVD-Box mit Rivettes Filmen „Die Viererbande“, „Die schöne Querulantin“ und „Die Geschichte von Marie und Julien“ heraus.

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