Malerei : Der König der Juden durfte nicht jüdisch sein

Max Liebermanns Gemälde "Der zwölfjährige Jesus im Tempel" löste 1879 einen Skandal aus, der Maler knickte ein. Warum?

Jens Hinrichsen

Max Liebermann nannte es liebevoll sein „Schloss am See“. Wer die seit 2006 für das Publikum geöffnete Liebermann- Villa am Wannsee besucht, kann den Stolz des Besitzers verstehen. Doch trotz herrlichem Garten mit Blumenbeeten und Birkenweg, trotz der klassizistischen Schönheit des Hauses: Die Tragödie des erst hoch dekorierten, dann von den Nazis verfemten jüdischen Malers und seiner Familie spielte sich auch hier ab.

Als der einstige Ehrenpräsident der Akademie der Künste 1935 isoliert und verbittert starb, begann für seine Frau ein weiteres schlimmes Kapitel. 1938 hatte sie schon das Haus am Pariser Platz verlassen müssen, 1940 wurde die Wannsee-Villa enteignet. Um der Deportation zu entgehen, nahm sich Martha Liebermann 1943 das Leben.

Noch in den frühen dreißiger Jahren war das spätere Ausmaß der Judenverfolgung für Max Liebermann unvorstellbar. Andere Formen des Antisemitismus waren ihm indes „vertraut“. Nun erinnert die Liebermann-Villa in einer großartigen Sonderausstellung an den deutschlandweiten „Jesus-Skandal“, den sein Gemälde „Der zwölfjährige Jesus im Tempel“ bei einer Ausstellung im Münchner Glaspalast im Jahr 1879 auslöste. Liebermann hatte Jesus als jüdisches Kind mit großer Nase, Rundrücken und Schläfenlocken dargestellt. Ein Sturm der Entrüstung inklusive grob antisemitischer Ausfälle brach gegen den Maler los.

Selbst der Künstler, als „Armeleutemaler“ an Geringschätzung gewöhnt, war von der Heftigkeit der Attacken überrascht. „Jetzt bedeutete Liebermanns Malerei seinen Kritikern nicht nur die Herabwürdigung der Kunst, sondern gar eine Herabwürdigung des Heiligen“, erklärt Martin Faas, Leiter der Liebermann- Villa. „Dass Liebermann Jude war, machte alles nur noch schlimmer.“

Dass die Tempelszene jetzt als Leihgabe der Hamburger Kunsthalle in der Liebermann-Villa hängt, ist alles andere als selbstverständlich. Das hochempfindliche Ölbild soll möglichst wenig reisen. Ausstellung und Katalog stellen es in den historischen Kontext des Berliner Antisemitismusstreits, der just 1879 von einer antijüdischen Polemik des Historikers Heinrich von Treitschke ausgelöst wurde.

Ob unter dem öffentlichen Druck dieser unappetitlichen Debatte oder nicht: Liebermann revidierte vor allem die Hauptfigur, übermalte sie als blonden, kerzengeraden Vorzeigejesus. Die Gründe sind unklar. Wollte Liebermann seine Reputation, die er auch unter Künstlerkollegen genoss, nicht weiter aufs Spiel setzen? Noch drei Jahrzehnte danach machte der Maler lieber einen Bogen um religiöse Sujets.

Faas schätzt, dass das brisante, von der Übermalung verdeckte Gegen-Bild die kühnste „historisch-kritische“ Jesusdarstellung der Kunstgeschichte gewesen ist. Immerhin gehört die Reproduktion des Erstzustands in einem alten Kunstband zu den zahlreichen Dokumenten der Ausstellung, die zudem mit einem Extrakabinett zur Ikonografie jenes Bildtopos aus dem Lukasevangelium glänzt: Albrecht Dürer zeigte den Heiland als Vorbild christlicher Lebensführung, Rembrandt präsentierte bereits ein Kind, das durch Natürlichkeit überzeugt. Adolf Menzels meisterhaftes Pastell von 1851 fasst Christus dann als „Juden unter Juden“ auf, obwohl er Jesus noch idealisiert und die Schriftgelehrten bei ihm an die Grenze zur Judenkarikatur getrieben sind.

Genau das vermied Liebermann von Anfang an, indem er seine Gelehrtenmodelle in christlichen Spitälern Münchens suchte und fand. Im „Christlichen Kunstblatt“ war nichtsdestoweniger von „übel riechenden, gemeinen Schacherjuden in schmutzigen Säcken und Gebetsmänteln“ die Rede. Und derartige Hetzreden waren wirklich ein Skandal. Jens Hinrichsen

Villa Liebermann, Wannsee, bis 1.3., Mi–Mo 11–17 Uhr, Sa/So bis 14 Uhr.

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