Kultur : Malerei: Dreckige Beene sind schön: Kurt Mühlenhaupt

Oliver Heilwagen

Bergsdorf ist 60 Kilometer von Berlin entfernt, aber es könnten auch 600 sein. So abgelegen wirkt das kleine Dorf nördlich der Hauptstadt, dass man es sich beschaulicher kaum vorstellen kann: Zwei Straßen, schmucke Bauernhöfe, eine Kirche aus dem 13. Jahrhundert, eine Bäckerei, ein Friseursalon und eine kleine Post. Brombeersträucher und wilder Wein wiegen sich am Wegesrand im Wind. Hähne krähen, Pferde wiehern; sonst ist kein Laut zu hören. Nur die Spatzen tschilpen zu Hunderten in den Baumwipfeln.

Mitten in diese ländliche Idylle hat es den Berliner Maler Kurt Mühlenhaupt verschlagen. 1990 kaufte er einen verfallenen Gutshof aus dem 18. Jahrhundert und richtete ihn in mühevoller Eigenarbeit wieder her. Sieht man auf Fotos, in welchem Zustand die örtliche LPG das Gebäude hinterließ, reibt man sich die Augen, was er und seine Frau aufgebaut haben. Aus einer Ruine ist das "Museum Bergsdorf" geworden, in dem die beiden mit sechs Angestellten an jedem Wochenende rund 150 Besucher empfangen. Sie werden auf der Terrasse mit Kaffee und Kuchen bewirtet, während Pfauen, Gänse und Hühner zwischen ihren Füßen scharren.

Die mächtige Feldsteinscheune wurde zur Ausstellungshalle. Ihre hölzerne Bühne wird beim jährlichen Erntedankfest zum Tanzboden für das ganze Dorf. Der Kälberstall beherbergt eine Druckerei; im Schafstall ist das frei zugängliche Atelier untergebracht. Zu Dutzenden hängen Gemälde an den Wänden, umstellt von mindestens ebenso vielen Kleinplastiken. Dabei handelt es sich nur um einen winzigen Teil des riesigen Oeuvres. Insgesamt zwei- bis dreitausend Bilder hat er gemalt, schätzt der Künstler: "Mir fehlt die Zeit, um sie alle zu zählen."

Für Mühlenhaupt ist Bergsdorf die Krönung seines Lebenswerks. Nach den Maßstäben der Kunstkritik ist er ein "Naiver", doch Etiketten scheren ihn wenig: Er wollte stets ein "Maler der Liebe" sein. In immer neuen Variationen hat der langjährige Kreuzberger aus Passion das Treiben in seinem Kiez liebevoll auf die Leinwand gebannt. Seine Stadtansichten zeigen ein von Gören, Kohlenträgern und Originalen bevölkertes Berlin, dass es längst nicht mehr gibt. Der Vergleich mit Heinrich Zille liegt nahe, doch Mühlenhaupt winkt ab: "Wir sind zwar beede Miljöhmaler und für die kleenen Leute da. Aber Zilles Karikaturen lassen die Leute lachen. Meine Bilder richten sich nie gegen die Person: Wenn ick dicke oder dreckige Beene male, sind die trotzdem schön."

Das Schönheitsideal des Künstlers ist handfest: Seine Akte sind Frauenzimmer im besten Alter mit üppigen Kurven. Seine Porträts kümmern sich nicht um Psychologie, sondern arbeiten das Typische heraus. Seine Stillleben demonstrieren eine unerschöpfliche Freude an der Fülle des Daseins. Die kleinen Dinge wie Zwiebeln und Bierflaschen, Rüben und Blumen rückt er mitten ins Bild. Seit seinem Umzug hat er auch die Landschaftsmalerei für sich entdeckt: Meist menschenleere Großformate, die den spröden Charme der Umgebung in leuchtenden Farben wiedergeben. Mindestens einmal in der Woche zieht es den Hochbetagten mit seinem Skizzenbuch hinaus in die Mark.

Bewegung ist für den umtriebigen Künstler ein Lebenselixier. Schließlich kam er als Arbeiterkind 1921 im fahrenden Zug zwischen Prag und Berlin zur Welt. Einer Laufbahn als Tischler kam der Krieg in die Quere, der ihn innerlich und äußerlich verwundet zurückließ. Auch der Frieden war nicht ohne Schicksalsschläge: Der Expressionist Karl Schmidt-Rottluff bescheinigte ihm, er habe kein Talent. Was sich der Jungmaler so zu Herzen nahm, dass er zwei Jahre lang keine Farben anrührte. Erst als Schüler von Maximilian Debus an der Hochschule für Bildende Künste fand er seinen Weg. Mühlenhaupt wurde zu einer zentralen Figur der Westberliner Bohème, ein grauer Filzhut zu seinem Markenzeichen.

Vor seiner Trödelhandlung in der Kreuzberger Blücherstraße veranstaltete er Anfang der sechziger Jahre einmal pro Woche den ersten Bildermarkt in Berlin. Um die Ecke in der Zossener Straße betrieb er außerdem die Künstlerkneipe "Leierkasten". Seinem Bezirk blieb Mühlenhaupt auch treu, als er eine leer stehende Fabrik in ein Künstlerdomizil verwandelte. Bis ihn seine Popularität 1976 zur Flucht ins ländliche Kladow zwang. "Die Liebe der Menschen in Berlin kann einen erdrücken", bedauert er: "Dann muss man mit jedem een Bier trinken und ist ständig besoffen."

Den Weggang bereut der gesellige Mühlenhaupt nicht. "Das neue Berlin sagt mir nix. Was soll ich zwischen all den Wolkenkratzern am Potsdamer Platz herumkraxeln", fragt er. Eher kümmert er sich um seine neuen Nachbarn im Dorf, das sich durch die Aktivitäten seines zweitgrößten Arbeitgebers ungeahnter Aufmerksamkeit erfreut. Vergessen ist der Künstler in Berlin keineswegs: Sogar mehrere Dissertationen gibt es über ihn.

Dem "Maler der Liebe" widmet das Stadtmuseum in der Nikolaikirche nun eine gleichnamige Retrospektive. Nach den Ausstellungen 1981 in der Kunsthalle und 1991 in der Nationalgalerie ist es die dritte. Zu sehen sind etwa 80 Gemälde: Stadtbilder, Landschaften, Porträts sowie ein Passionszyklus. Dieses Geschenk zum 80. Geburtstag macht den Jubilar fast "wunschlos glücklich". Nur eines erhofft er sich noch: Eine eigens gegründete Stiftung soll das Gut Bergsdorf über seinen Tod hinaus als Museum erhalten. Denn: "Hier wachsen Berliner und Brandenburger bei Kaffee und Kuchen zusammen."

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