Malerei : Eduard Gorokhovsky: Im Lügestuhl

Die Galerie Sandmann zeigt späte Bilder des russischen Malers Eduard Gorokhovsky.

Barbara Kerneck

„Farbe ist sehr mächtig, man muss vorsichtig mit ihr umgehen“, meinte der russische Konzeptualist Eduard Gorokhovsky. Er selbst hat sich stets daran gehalten. Die auf zeitgenössische russische Kunst spezialisierte Berliner Galerie Sandmann zeigt jetzt erstmals in Deutschland Arbeiten aus seinem letzten Lebensabschnitt. Nach 1991 schuf sich Gorokhovsky neben dem Moskauer Atelier ein zweites Domizil in Frankfurt am Main. Dort verstarb er 2004. In diesem Jahr wäre er 81 Jahre alt geworden.

Vermutlich wegen seiner nachlassenden Kräfte verzichtete der Maler in der hier repräsentierten Periode nach 2000 schon auf große Leinwände. Stattdessen malte er mit Acryl auf schwarze Papierbögen, teils in Pastelltönen, teils nur in Weiß. Geboren 1929 im ukrainischen Winniza, studiert der junge Eduard erst einmal Architektur. Doch nach zwei Jahren im Beruf wird er freischaffender Künstler. 1970 schafft er den Sprung aus der Provinz nach Moskau und freundet sich mit den dortigen Konzeptualisten an. Gorokhovsky macht mit den verfremdeten Fotografien vorrevolutionärer Männer und Frauen Furore, die er auf Gemälden und Siebdrucken in ein modernes Ambiente oder in abstrakte Formwelten montiert. Dort führen sie eine stets labile, gespenstisch schwebende Existenz.

Wieder Leichtigkeit, aber diesmal die Leichtigkeit des Seins atmen Gorokhovskys in der Galerie Sandmann präsentierte, sogenannte schwarze Rechtecke. Sie stellen noch einmal Dinge dar, die für ihn das Leben lebenswert machten, wie gutes Essen und inspirierende Gesellschaft. Da malt der Künstler zum Beispiel im Urlaub seine Moskauer Freunde schwarz in weißen Liegestühlen, konkav, als seien sie schon durch das Tuch gesunken. Auf Stillleben an den Galeriewänden glänzen mürbe nicht nur Früchte, sondern auch seine Malutensilien.

Gorokhovsky erlebte noch, wie sein Ruhm wuchs. Bilder von ihm hängen unter anderem im Kupferstichkabinett in Dresden, im Ludwig-Museum in Aachen und in der Albertina in Wien. Die heute bei Sandmann gezeigten Bilder sind mit sechs- bis siebentausend Euro ausgepreist. Im Auktionshaus Sotheby''s wurde ein Diptychon des Künstlers von 1988 vor vier Jahren in London für 150 000 Pfund versteigert. In der hiesigen Galerie hätte es Ende der neunziger Jahre noch 40 000 DM kosten sollen.

Das eben ist Eduard Gorokhovskys Thema: der Lauf der Dinge in der Zeit als vierter Dimension. Gemeinsam mit ihr scheinen uns einige postsowjetische Typen auf den jetzt im kleinen Raum der Galerie gezeigten Gemälden schon wieder in die Historie zu entgleiten. Da tragen zwei Exemplare des Macho Sovieticus fröhlich und unbefangen ihre vernachlässigten Körper am Strand spazieren. Zwei Prostituierte auf dem Nebenbild rechtfertigen die Bezeichnung Strichmädchen offenbar eher aus Not als aus Magersucht. Dabei drehen sie den bulligen Personenkraftwagen auf der Landstraße ihre Rücken zu und scheinen sich totzulachen.

Galerie Sandmann, Linienstr. 139/140; bis 20.3., Mi-Fr 14-19 Uhr, Sa 12-17 Uhr.

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