Malerei : Familienfotos in neuem Gewand

Das KunstHaus Postdam zeigt in einer Ausstellung Pastellmalerei der britischen Künstlerin Diana Rattray. Die Werke sind auch eine Auseinandersetzung der Künstlerin mit der eigenen Vergangenheit.

Almut Andreae

Auf der Schwelle zur aktuellen Ausstellung im KunstHaus fängt sich der Blick in monumentalen Familienporträts. Gerade so, als würde man in ein Fotoalbum riesigen Ausmaßes schauen. Manches dieser Bilder füllt allein eine Wand. Beinahe ausnahmslos wird hier gelächelt: geballtes Lächeln für die Kamera. Aufgesetzt für den Moment, verkrampft, nie wirklich echt.

Der Eindruck kommt nicht von ungefähr. Diese Bilder, gemalt in Pastell auf Papier, sind nach der Vorlage von Fotos entstanden. Die britische Künstlerin Diana Rattray übertrug sie – ausgehend von alten Schwarz-Weiß-Fotografien – in die Malerei. Die Motive zeigen Situationen, wie sie jeder kennt: typische Momentaufnahmen, wie sie bei einem Spaziergang oder Ausflug entstehen.

Eine kleine Hochzeitsgesellschaft im großen Format sticht ein bisschen heraus. Kleidung, Frisuren und allgemeiner Habitus der Familienbilder verweisen in die Zeit der fünfziger und sechziger Jahre. In dieser Zeit war Diana Rattray (Jahrgang 1947) noch ein Kind. Wenn die heute in Düsseldorf lebende Künstlerin Fotografien aus alten Familienalben in die Pastellmalerei überträgt, ist das zu einem Gutteil Erinnerungsarbeit. Auseinandersetzung in dem Fall auch mit der eigenen Biografie. In dem ausdrucksvollen Pastell „Miss Candyfloss“ hat sich die Malerin als Kind porträtiert. Als ein vielleicht zehn Jahre altes Mädchen mit Strohhut an einem heißen Sommertag. Genüsslich gibt es sich den süßen Freuden rosaroter Zuckerwatte hin, nicht ohne dabei kokett in die Kamera zu lächeln. Plakative Pepsi-Werbung im Bildhintergrund nimmt der Seligkeit des Augenblicks etwas von seiner Unschuld. Ein Detail, das zum Fingerzeig für die Motivation der Künstlerin wird, nach all den Jahren der gleichen Familienbilder zu malen. Mal mehr, mal weniger offensichtlich arbeitet sie in diesen Bildnissen mit ironisierenden Brüchen. Auch deswegen hat sie das Kameralächeln der Fotos in der Ausführung ihrer Pastelle grimassenhaft überzeichnet.

Die Idylle der Familienbildnisse wird aus dem Abstand der Jahre heraus als trügerisch, als fragwürdig zumindest entlarvt. Die Art und Weise, wie Diana Rattray, virtuos in der Pastelltechnik, die Gesichter behandelt, hat etwas Psychologisierendes. Indem sie sich nun schon seit mehreren Jahren intensiv den Familienbildnissen widmet, lässt sie weit zurückliegende Erlebnisse und familiäre Beziehungen noch einmal ganz neu Revue passieren. Ausgehend von Schwarz-Weiß-Fotos verleiht die Malerin ihnen aus der zeitlichen Distanz ihre subjektive Färbung. Farbe erhält in ihrer Pastellmalerei symbolische Kraft. Farbe wird zum Ausdrucksträger der Haltung Diana Rattrays. Sie interpretiert, verstärkt und spitzt gerne zu. Die grell gestreiften rot-gelben Krawatten in dem Bildnis „Part of Peter’s Patchwork“ beispielsweise sorgen für unterschwellige Irritation. An anderer Stelle sind die Signale, mit denen die Malerin ihre Bilder anreichert, dann ganz subtil. Die vordergründige Heile-Welt-Stimmung, die diese Bilder nur auf den ersten Blick ausstrahlen, weicht sehr schnell einer zuweilen unheilvollen Hintergründigkeit.

Gleichfalls in der Ausstellung mit insgesamt 14 Pastellen sind jedoch auch Arbeiten zu sehen, in denen die Künstlerin auf jeglichen ironisierenden Subtext verzichtet. Etwa, wenn sie – wie in dem aus der Ausstellung heraus verkauften Panoramaformat „Longing“ (Sehnsucht) – vor einer Seenlandschaft die Rückenfigur eines in die Naturbetrachtung versunkenen Jungen in den Mittelpunkt rückt. Hier, wie auch in dem kleinen Bildnis „A Winters Day“, begegnen weder maskenhaftes Lächeln noch Pose. Noch mal ganz anders ein kleines Format mit dem Titel „The Chase“ (Die Jagd). Während ein kleines Mädchen im Lauf kurz innehält, ist das Gesicht der Mutter hinter ihr vom oberen Bildrand brüsk abgeschnitten.

Die Bilder dieser Ausstellung werden zum Impulsgeber für den Betrachter, sich eigene, vergleichbare Erinnerungen und Bilder zu vergegenwärtigen. So wie auch die dargestellten Personen durch ihren geradewegs aus dem Bild heraus gerichteten Blick immer auch den Betrachter mit sich selbst konfrontieren. „So far, so near“ – so der Titel der Ausstellung – gewährt einerseits sehr persönliche Einblicke in das Leben und Erleben von Diana Rattray.

Andererseits bietet die Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit der Berliner Galerie Michael Haas zustande kam, zahlreiche Anknüpfungspunkte. Lösen doch Situationen und Anekdoten, wie Familienalben sie konservieren, ähnlich geartete und damit durchaus vergleichbare Erinnerungsmuster aus. Auch der prüfende Blick darauf verbindet.

„So Far, So Near“ ist noch bis zum 27. Juni, mittwochs, 11-18 Uhr, donnerstags und freitags, 15-18 Uhr, samstags und sonntags, 12-17 Uhr, im KunstHaus Potsdam, Ulanenweg 9 zu sehen

0 Kommentare

Neuester Kommentar