Malerei : Fieberkurven um Caravaggio

Ein Maler, der sich selbst kopiert - die Fachwelt rätselt. Heute vor 400 Jahren starb der Barockmaler Caravaggio. Die Aufregung um sein Werk lässt nicht nach.

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Ich war dabei. Caravaggio malte sich mehrfach in seine Werke hinein. Hier beobachtet er den „Judaskuss“ auf dem jüngst in Berlin sichergestellten Bild. Foto: Bundeskriminalamt/ddp
Ich war dabei. Caravaggio malte sich mehrfach in seine Werke hinein. Hier beobachtet er den „Judaskuss“ auf dem jüngst in Berlin...Foto: Bundeskriminalamt/ddp

Der letzte Krimi liegt gerade erst zwei Wochen zurück. Da wurde auf einem Berliner Parkplatz ein Ölbild sichergestellt, das zwei Jahre zuvor aus dem Kunstmuseum in Odessa gestohlen worden war. Die Aufregung war groß: ein echter Caravaggio! Am Tag danach dementierten die Fachleute: Das Bild aus Odessa, die „Gefangennahme Christi“ sei nicht eigenhändig, sondern eine zeitgenössische Kopie. Das wahre Original hänge in Dublin.

Der zweite Krimi stammt von 1990, Jonathan Harr hat ihn in seinem Buch „Der verschollene Caravaggio“ dokumentiert. Damals wurde eine „Gefangennahme Christi“ im Foyer der Jesuitenresidenz von Dublin entdeckt. Der italienische Restaurator Sergio Benedetti, der das Gemälde für die Jesuiten restaurieren sollte, ist sich sicher: Es ist das Originalbild von Caravaggio, nach dem Experten schon seit Jahrzehnten suchen. Parallel haben zwei italienische Kunststudentinnen im Familienarchiv der Familie Mattei in Recanati recherchiert – für Ciriaco Mattei hatte Caravaggio 1602 sein Bild gemalt. Auch Francesca Cappelletti und Laura Testa kommen zu dem Schluss: Der originale Caravaggio muss sich irgendwo in Großbritannien finden – er war zwischenzeitlich dem niederländischen Caravaggisten Gerrit von Honthorst zugeschrieben und von Hamilton Nesbit nach Edinburgh ausgeführt worden. Die Spur führt über Schottland nach Dublin. Dort hängt das Bild seit 1993 als Leihgabe der Jesuiten in der National Gallery of Ireland.

Der dritte Krimi spielte sich ab, als das Düsseldorfer Kunstmuseum 2007 eine große Caravaggio-Ausstellung plante. Der Schwerpunkt sollte auf dem Thema Eigenhändigkeit und Kopie liegen. Gezeigt wird auch die – bald darauf gestohlene – Kopie aus Odessa. Eigentlich sollte aber noch ein anderes Bild präsentiert werden, eine dritte Version, deutlich größer als die beiden anderen. Sie befand sich Mitte des 20. Jahrhunderts in der Privatsammlung von Landis Sannini und war damals von dem großen Caravaggio-Wiederentdecker Roberto Longhi als gute Kopie ausgemacht worden. Der römische Kunsthändler und Restaurator Mario Bigetti hatte das Bild 2003 erworben und nach eingehenden Untersuchungen als echten Caravaggio präsentiert. Röntgenuntersuchungen hatten einiges zutage gebracht, was für eine Eigenhändigkeit sprechen könnte: Incisioni, Ritzungen in die feuchte Farbe, durch die Caravaggio, der seine Bilder nie zuvor auf die Leinwand skizzierte, die Umrisse markierte. Pentimenti, später übermalte Fehler, die ein Kopist, der ja nur die Oberfläche sieht, nicht kennen kann. Auch der Caravaggio-Experte Clovis Whitfield hält diese Version für die Erstversion, nach der Caravaggio ein Jahr später eine Zweitfassung, ebenfalls für die Mattei-Familie, malte – das Dubliner Bild. Allein: Um das römische Bild, um den Kaufpreis, um die Zuschreibung tobte ein derartiger Rechtsstreit, dass die römische Staatsanwaltschaft das Bild beschlagnahmte. Es konnte daher auch nicht nach Düsseldorf reisen.

Erstfassung, Zweitfassung, Kopie, die eine verschollen, die andere geklaut, die dritte beschlagnahmt, und das alles innerhalb von wenigen Jahren – was für eine Aufregung um ein Bildmotiv. „Neue Caravaggios schießen aus der Erde wie Pilze nach dem Regen“, schrieb der italienische Journalist Fabio Isman 2004. Der Grund dafür liegt in der großen Popularität des Malers. Schon zu Lebzeiten war der Künstler aus dem norditalienischen Caravaggio, der sich zunächst in Rom als Straßenmaler durchschlug und bald mit seinen frechen, anzüglichen, aus dem prallen Leben gegriffenen und immer dramatisch beleuchteten Bildern die Gunst der höchsten Stellen genoss, in Rom ein Star gewesen. Man riss sich um seine Bilder, und wo man kein originales bekommen konnte, kopierte man eins. So gibt es sowohl Mehrfachfassungen aus eigener Hand des Malers, der ein Motiv bei prominenter Nachfrage durchaus auch noch einmal anfertigte, als auch eine Vielzahl von mehr oder weniger guten Kopien. Hier Ordnung ins Chaos zu bringen, ist seit Jahrzehnten Lieblingsbeschäftigung vieler Kunsthistoriker. Der Streit um Caravaggio nimmt kein Ende.

Doch der Maler mit der dramatischen Lebensgeschichte und den mindestens so dramatischen Bildern war bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts fast vergessen und wurde erst mit einer Mailänder Ausstellung 1951 wiederentdeckt. Noch 1921 war eben jene „Gefangennahme Christi“, die nun bei ihrer Wiederentdeckung in Dublin für Aufregung sorgte, bei dem Auktionshaus Dowell’s in Edinburgh für acht Guineas vesteigert worden.

Seither gibt es einen regelrechten Caravaggio-Boom und Ausstellungen im Jahrestakt. Bei der großen Retrospektive zum 400. Todestag im Frühjahr stand man in Rom einmal um den Block der Scuderie am Quirinal, 580 000 Besucher kamen am Ende. An diesem Wochenende feiert man in Rom das Jubiläum mit einer langen Caravaggio-Nacht: die Kirchen Sant’Agostino, San Luigi dei Francesi sowie die Kirche Santa Maria del Popolo, die allesamt Hauptwerke des Barockmalers enthalten, öffnen die ganze Nacht über, ebenso die Galleria Borghese.

Auch die Nachricht, dass man in einer Krypta in Porto Ercole südlich von Rom Gebeine gefunden habe, die „mit 85-prozentiger Wahrscheinlichkeit“ zu Caravaggio gehören, kam passend kurz vor dem Todestag an die Öffentlichkeit. Die Funde aus über 200 Gräbern waren auf ihre DNA untersucht worden. Bislang galten die sterblichen Überreste Caravaggios als verschollen – man nahm an, dass er in Porto Ercole, auf dem Rückweg nach Rom, an Malaria gestorben war. Nun werden die Gebeine in Porto Ercole in einer Glasurne präsentiert und sollen danach wieder vor Ort beigesetzt werden.

Das aus Odessa geklaute Bild lagert derweil noch immer in Berlin. Roberto Contini, der Kustos der Berliner Gemäldesammlung, hält es zwar auch für eine Kopie, aber für eine gute und vor allem zeitgenössische. Eine Woche nach dem Zugriff durfte er es gemeinsam mit seinem Chef, Bernd Lindemann, und der Restauratorin der Staatlichen Museen untersuchen – und ist fassungslos. „Das Bild ist wie eine Leiche“, sagt er am Telefon. Die Diebe, Contini nennt sie „kriminelle Idioten“, hatten das Bild in Odessa unfachgemäß aus dem Rahmen geschnitten, in einem unregelmäßigem Zickzackschnitt, in mehrere Teile gefaltet und offenbar auch öfter wieder auseinandergefaltet, um es Interessenten zu zeigen.

Nun platzt die Farbe ab und muss neu gefestigt werden, die Gesichter von Judas und Christus sind schwer beschädigt, Christus hat seine Nase verloren. „In diesem Zustand“, so Contini, sei das Bild auf keinen Fall reisefähig. Man habe den Kollegen in Odessa angeboten, es in Berlin zu restaurieren. Zumal die Staatlichen Museen für den Herbst, passend zum 400. Todesjahr, selbst eine kleine Caravaggio-Ausstellung aus Eigenbeständen planen. Wäre doch schön, man könnte dann auch dieses Bild in restaurierter Form präsentieren. Kopie hin oder her.

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