Malerei : Fleisch und Knödel

Körperbewusstseinsbilder: Zum 90. Geburtstag der österreichischen Malerin Maria Lassnig.

Simone Reber
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Der Ruhm kam spät. Maria Lassnig wurde erst mit 60 Jahren Professorin. Foto: dpadpa

In smaragdgrüner Dämmerung sitzt die nackte Frau auf dem Boden. In ihrer ausgestreckten Hand hält sie einen Falken. Der Jagdvogel trägt eine Lederhaube über den Augen, damit er sich nicht pfeilschnell auf Beute stürzt. In dem Selbstporträt „Die Falknerin“ eignet sich Maria Lassnig in der Scharfsichtigkeit der Traumstunde den gnadenlosen Blick des Raubvogels an. 1979, als das Gemälde entstand, war die Künstlerin gerade Professorin an der Wiener Akademie geworden. Mit sechzig Jahren. Schaut man an ihrem heutigen 90. Geburtstag zurück auf die Anfänge, fällt auf, wie spät ihr Erfolg kam. „Kein Auto, keine technischen Geräte, mit fünfzig das erste Badezimmer“, beschreibt Maria Lassnig sarkastisch die Kargheit ihres langen Anlaufs.

1919 in Kärnten geboren, wächst sie als uneheliches Kind bei ihren Großeltern auf, in der schweigsamen Armut eines Bergbauernhofes. Zwischen 1941 und 1943 studiert sie Kunst in Wien. Einer ihrer Lehrer, Wilhelm Dachauer, wirft sie aus seiner Klasse, weil ihre Farben „entartet“ seien. Nach dem Krieg geht Lassnig nach Paris, lernt André Breton kennen, freundet sich mit Paul Celan an. Sie nimmt surrealistische Elemente in ihre Malerei auf und experimentiert mit dem Informel. Wie nachtdunkle Kämpfe wirken diese abstrakten Bilder, die vom Chaos des Krieges geprägt sind. Die Pinselstriche kreuzen sich wie messerscharfe Hiebe, verhaken sich und fechten mit schwerem Ernst.

Mit den späteren „Körperbewusstseinsbildern“ erkundet Maria Lassnig ähnlich rigoros die Existenz. Jetzt ist der Schauplatz ihr eigener Leib. In ihrem Selbstporträt als Astronautin von 1968 schwebt sie mit schwerem Gepäck durch den Raum. Sie ist auf dem Absprung nach New York, wo sie unsanft landet, denn Amerika ignoriert ihre Kunst.

Ihre verzerrten, verspannten Körper knüpfen an Egon Schiele und Oskar Kokoschka an. Ihre aufgeblähten Fleischmassen, die gedämpften Farben erinnern an Francis Bacon. Während bei Bacon der Körper aber ein zynischer Diktator ist, malt Maria Lassnig sich selbst, ihre Verwundungen und Leerstellen. Sie stülpt das Innere nach außen. Manchmal ist diese Durchlässigkeit kaum zu ertragen, dann wieder wird sie gemildert durch bodenständigen Humor. Bäuche runden sich zu Knödeln, Schultern zu Buckeln. Hinter dieser Schutzlosigkeit verbirgt sich Provokation. Da gibt sich eine nackte Schönheit einem Tiger hin, dort birgt eine welke Froschkönigin ihren feuchten, grünen Prinzen im Schoß oder kämpft eine Braut unter Frischhaltefolie.

Martin Kippenberger hat Maria Lassnigs Selbstironie geschätzt, Paul McCarthy sammelt ihre Arbeiten. Zweimal wurde sie nach Venedig eingeladen, 1997 nahm sie an der Documenta teil. Dieses Jahr findet erstmals eine Einzelausstellung in den Vereinigten Staaten statt. Im Alter tritt die Kühnheit ihres Lebensentwurfes vor die unverblümte Direktheit ihrer Malerei. Kein Wunder, dass Maria Lassnig findet, das Leben müsste doppelt so lang sein. 

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