Malerei : Pariser Flair, Berliner Luft

In seiner künstlerischen Handschrift artikuliert sich der bürgerliche Blick, der Unschönes im Medium der Kunst verklärt wissen wollte. Zum 100. Todestag des Malers Franz Skarbina: Ein Streifzug

Miriam-Esther Owesle

Auf dem Alten St. Jacobi-Friedhof in Neukölln seine letzte Ruhe zu finden, muss schwierig sein. Den Besucher empfängt keine Oase der Stille – zu nah sind Hermannplatz und Karl-Marx-Straße, zu klein ist der Gottesacker, als dass man dem Tumult der Großstadt entfliehen könnte. Ein ganz ähnliches Szenario hielt der hier vor hundert Jahren zu Grabe getragene Berliner Maler und Zeichner Franz Skarbina einmal fest: Sein Ölgemälde „Allerseelentag“ (1896) in der Alten Nationalgalerie zeigt einen von unzähligen Kerzen illuminierten Großstadtfriedhof vor der Silhouette der typischen viergeschossigen Berliner Wohnbebauung.

Leben und Schaffen des Berliner Künstlers sind heute nur noch wenigen vertraut. Dabei war Skarbina zu Lebzeiten einer der berühmtesten Söhne der Stadt. 1849 am Berliner Spittelmarkt als Sohn eines Juweliers geboren, entwickelte er bereits an der Berliner Akademie sein künstlerisches Programm, studierte die unmittelbare Umgebung und hielt fest, was ihm der Zufall vor Augen führte. Sein Vorbild war Adolph Menzel und dessen antiakademische Auffassung von der Bildwürdigkeit des alltäglichen Lebens. Bereits 1872 fiel Skarbina mit Szenen aus dem Berliner Straßenleben auf. Sein endgültiger künstlerischer Befreiungsschlag fand jedoch in Paris statt, wo der Künstler Mitte der 1880er Jahre für ein Jahr lebte und wohin er später immer wieder zurückkehrte. Hier wurde er zum Maler der Großstadt.

Wie die Impressionisten setzte der deutsche Künstler nun Stätten bürgerlicher Freizeitgestaltung ins Bild. Mit seinen Darstellungen der selbstbewussten Großstadtdame war er eine Ausnahme unter den deutschen Künstlern seiner Zeit. So wurde der von ihm ausdrücklich in Berlin situierte „Allerseelentag“ aufgrund des eleganten Bildpersonals von verschiedenen Kunstkritikern in Paris verortet. Die Affinität zur Moderne artikulierte sich jedoch nicht nur in Skarbinas künstlerischem Schaffen. Engagiert beteiligte er sich an fortschrittlichen Künstlergruppierungen, die sich durch kleine, qualitätsorientierte Ausstellungen von den akademischen Massenschauen abgrenzen wollten. 1892 erklärte ihn der Kunstkritiker Ludwig Pietsch zum „Bahnbrecher und Führer“ der modernen Malerei in Berlin. Dass Skarbina parallel an den traditionellen akademischen Ausstellungen teilnahm, der Berliner Secession nur bis 1901 angehörte und im Folgejahr in den Schoß der Akademie zurückkehrte, wirft ein Licht auf die Ambivalenz seiner künstlerischen wie kunstpolitischen Gesinnung. Es macht den Künstler zu einem Spiegel seiner durch den Gegensatz von Tradition und Moderne gekennzeichneten Zeit.

Skarbina poetisierte die Wirklichkeit. In seiner künstlerischen Handschrift artikuliert sich der bürgerliche Blick, der Unschönes im Medium der Kunst verklärt wissen wollte. So nimmt es nicht wunder, dass insbesondere Vertreter der gehobenen Gesellschaftsschichten ihre Lebenswelt in seinen Bildern wiedererkannten. In Fontanes „Stechlin“ beschreibt die Baronin von Berchtesgaden nach einer Fahrt durch das nächtliche Berlin eine Szenerie am nebligen, von Kandelabern erleuchteten Brandenburger Tor und stellt fest, dass es dort ausgesehen habe wie auf einem Bild von Skarbina.

Eine Ausstellung zu Ehren Skarbinas, dessen Todestag sich vor wenigen Tagen zum 100. Mal jährte, findet dennoch nicht statt. Man muss genau hinschauen, um die verblassenden Spuren des Künstlers in Berlin zu finden. Zum Erinnern lädt das Ehrengrab des Landes Berlin ein. Den neoklassizistischen Grabstein schmückt ein Bronzerelief. Von hier aus kann man sich in die Alte Nationalgalerie zum „Allerseelentag“ begeben, im Bröhan-Museum wartet der Lumpensammler „Père Jean-Baptiste“. Die große, in Paris entstandene Arbeiterfigur stieß im Wilhelminischen Deutschland auf herbe Kritik. An den Wannsee lädt der Kunstsalon der Villa Thiede ein, wo neben großstädtischen Szenen im Miniaturformat auch die „Berliner Weißbiertrinker“ zu sehen sind. Eines der schönsten Gemälde befindet sich im Rathaus Charlottenburg. Dass die „Promenade in Karlsbad“ im Raum der Bezirksbürgermeisterin hängt, macht eine Betrachtung jedoch ohne Weiteres nicht möglich. Skarbinas Werke in der Gemälde- und Graphiksammlung des Stadtmuseums befinden sich ebenfalls hinter verschlossenen Türen.

Ein Herz für Skarbinas Arbeiten haben heute noch viele Privatsammler. Zuweilen erscheinen ihre Werke auf dem Kunstmarkt. So können in der Villa Grisebach ab dem 29. Mai zwei Bilder des Künstlers für die Frühjahrsauktionen besichtigt werden. Bei der Studie „Junge Frau mit Kind“ (1880) handelt es sich um ein frühes Beispiel für Skarbinas ausgezeichnete Aquarelltechnik. An dem Ölgemälde „Jeanette“ (1894) kann die Gratwanderung des Malers zwischen Berliner Nüchternheit und Pariser Eleganz studiert werden: Mit Gießkanne und Eimer überquert eine junge Elsässerin einen Steg. Lässt ihr derbes Kleid Rückschlüsse auf ihr einfaches Leben und die Mühsal ihrer Arbeit ziehen, so wähnt sich der Betrachter beim Anblick ihres mit Absätzen versehenen Schuhwerks auf der Place de la Concorde in Paris.

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