Malerei : Pol-art

Die polnische Regierung spaltet auch die Künstler. Sie stehen vor der Frage, ob sie die Politik in ihr Werk einfließen lassen oder beides trennen. Wilhelm Sasnal hat sich für letzteres entschieden und stellt nun in der Galerie Johnen aus.

Birgit Rieger

Die Kluft zwischen dem, was die junge polnische Generation fühlt und dem, was in Politik und Gesellschaft passiert, ist aktuell das Thema in den Kneipen zwischen Warschau und Lodz. Viele der Diskutanten finden die Situation schlicht „zum Kotzen“ – doch das ist nicht der Grund, weshalb Wilhelm Sasnal ein Klo gemalt hat.

„Das Ganze ist kaum zu ertragen“, schimpft allerdings auch Sasnal, der ab heute in Berlin ausstellt. So sprechen viele in Polen, seit Jaroslaw und Lech Kaczynski die Macht übernommen haben. Die Spannung zwischen Kunst und Politik ist in den Galerien und Künstlertreffs in Polen zum ersten Mal seit der Wende wieder virulent. Die Kunstwelt zerfällt in zwei Lager: Die einen machen es wie Sasnal, sie trennen Kunst und Politik. Die anderen bringen beides zusammen.

Sasnals Zorn auf das eigene Land schlägt sich nicht in seinen Bildern nieder. „Langeweile“ heißt die erste Einzelausstellung in der Galerie Johnen. Ein privates Thema – wie gewohnt bei Sasnal. Nicht das, was die polnische Jugend umtreibt. Aber was Sasnal bewegt.

Sasnals Werke sind heiß begehrt

Das Malen habe ihn in letzter Zeit manchmal gelangweilt, gesteht der Künstler. Er kann sich diesen Widerstand erlauben: Der 35-Jährige zählt zu den erfolgreichsten Malern seines Landes. 2002 wanderten seine Gemälde in die Sammlungen von Heiner Bastian und Christian Boros, bald darauf gelang Sasnal der Durchbruch auf dem internationalen Kunstmarkt. Die Sammler sind verrückt nach seiner alltagsschwangeren Popart-Malerei. In der Galerie laufen die Telefone bereits heiß, weil Sasnals Werke in letzter Zeit nur auf dem sekundären Markt zu bekommen waren. Es gab einfach nichts Neues von ihm.

Dabei ist frech, was Sasnal malt. In seiner aktuellen Ausstellung reizt er die Lust am Marginalen aus. Man sieht einen Traktor – oh ödes Landleben! Eine Toilette als Must-see der stillen Unorte. Und immer wieder seinen Maleralltag. Ein Gemälde zeigt eine Ausstellungssituation in erdigen Tönen: Bilder hängen an einer Wand oder lehnen daran. Auf einem anderen Bild findet sich ein Turm aus Farbeimern und Farbtuben. Solche Tautologien hat Sasnal den Betrachtern schon früher zugemutet. Das Malen über das Malen kennt man von ihm.

Politischer Mensch aber unpolitischer Künstler

Zwar verkörpert Sasnal mit seinen subjektiven Alltagsbeobachtungen wie kein anderer die Gegenwart Polens, ja ganz Osteuropas. Doch als politischer Künstler sieht er sich nicht: „Meine Art von Kunst eignet sich nicht, um auf politische Probleme zu reagieren.“ Aktiv ist Sasnal auf andere Weise. Zusammen mit Artur Zmijewski zählt er zu den populären Vertretern einer neuen linken Bewegung in Polen. Sasnal illustriert und zeichnet für die Zeitschrift „Krytyka Polityczna“, dem zentralen Organ der linken Intellektuellen. Sie veröffentlicht unter anderem soziologische Theorien von Ulrich Beck bis Jürgen Habermas, die sonst nirgendwo in polnischer Übersetzung vorliegen.

„Wir brauchen sie – die Künstler, Regisseure und Autoren“, sagt Slawomir Sierakowski, Soziologe, Journalist und so etwas wie der geistige Kopf der linken Bewegung. „Die Medien können uns ignorieren, wenn aber ein erfolgreicher Künstler oder Autor etwas sagt, kommen sie daran nicht vorbei.“

Auch Wilhelm Sasnal hat bereits einige Videoarbeiten gemacht, die durchaus politische Züge tragen. Sie sind bei Johnen auf Anfrage anzusehen.

Galerie Johnen, Schillingstraße 31; Eröffnung der Ausstellung: , 8. September, 18-20 Uhr; bis 13. Oktober, Dienstag bis Sonnabend 11-18 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben