Malerei : Streuobst mit Aussicht

Heimat DDR: Eine Leipziger Ausstellung würdigt Wolfgang Mattheuers Landschaftsmalerei. Sie zeigt eine Idylle mit doppeltem Boden.

Michael Zajonz
Mattheuer
Stille Katastrophe: "Waldstraße" aus dem Jahr 1975, Öl auf Hartfaser. -Foto: Katalog

LeipzigDie Revolution gebiert neben Ungeheuern auch Kuscheltiere. Günter Gaus, in den siebziger Jahren Leiter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin, hat die DDR als Nischengesellschaft beschrieben – harmoniesüchtig in ihrem Hang zum Privaten, zur Idylle. Vorschnell hat man derlei als individuelle Fluchtbewegung aus dem ideologisierten Alltag, als Politik-Absage par excellence gedeutet. Das ist nur die halbe Wahrheit: Sobald in der DDR Privates öffentlich verhandelt werden konnte, kam die politische Dimension wieder ins Spiel.

In der Kunst stieg die Idylle zum bevorzugten Genre auf: mit doppeltem Boden. Dahinter durfte, verschlüsselt, Kritik geübt werden, die das Publikum begierig zur Kenntnis nahm. Kino- oder Theatergänger waren es gewohnt, noch die harmloseste Komödie auf einen verdeckten Stachel abzuklopfen; Leser lasen – und lebten – zwischen den Zeilen. Kunst in Zeiten der Zensur: ein Hase- und Igel-Spiel.

Dass auch unter den Vorzeichen der Idylle Großes entstehen kann, ist nun in einer wunderbaren Ausstellung im Leipziger Museum der bildenden Künste zu erleben: "Landschaftsbilder – Sehnsuchtsbilder" heißt die Auswahl von 92 Gemälden des 2004 gestorbenen Malers Wolfgang Mattheuer, die anlässlich seines 80. Geburtstags mit Unterstützung der Witwe Ursula Mattheuer-Neustädt gezeigt wird.

Mattheuer, ein Star der Ostkunst, ist in den siebziger Jahren auch im Westen bekannt geworden: als Documenta-Teilnehmer sowie als Mitbegründer und Hauptfigur der von Peter Ludwig en gros gesammelten Leipziger Schule. Aufsehen diesseits und jenseits der Mauer erregten seine "Problembilder", die anhand antiker Mythenfiguren wie Ikarus, Sisyphos oder Kain und Abel Gegenwartsthemen verhandeln. Ihre aufs Äußerste zugespitzte Drastik lässt an Maler-Berserker wie Max Beckmann oder Otto Dix denken. Die Leipziger Ausstellung jedoch rückt, so hält es ihr Untertitel fest, einen "anderen Mattheuer" in den Mittelpunkt: den hoffnungslos hoffenden, aus tiefster Überzeugung skeptischen Romantiker.

Differenz zwischen Anpassung und Selbstbehauptung

Wie alle bedeutenden Ost-Künstler schlug Mattheuer Funken aus der Differenz zwischen Anpassung und Selbstbehauptung. "Wenn mir keine Bilder der Harmonie mehr gelingen", bekannte er zu DDR-Zeiten, "dann sind auch die Protestbilder falsch. Die Reibung zwischen Übereinstimmung und Protest, zwischen Ja und Nein, stimuliert zu realistischer Kunst und schärft den Blick für Wahrheiten." Dass dem Skeptiker, der der DDR am Ende keine Träne nachweinte, auch danach noch beides gelungen ist, spricht für die Ernsthaftigkeit seiner Kunst – und die Konsistenz seines Weltbilds.

Nun also, erstmals in dieser Ausschließlichkeit, Mattheuer, der Landschaftsmaler. Dem Besucher wird dennoch der ganze Mattheuer geboten; vermeintlich unschuldige Natur und Kritikfähigkeit haben sich bei ihm nie ausgeschlossen. Der Potsdamer Kunsthistoriker Heinz Schönemann, der Mattheuers Karriere Jahrzehnte lang begleitete, bescheinigte bereits anlässlich der ersten Leipziger Mattheuer-Ausstellung 1978 die zentrale Stellung der Landschaften im Gesamtwerk. Vom Naturerlebnis aus habe sich alles Weitere entfaltet. Und zugespitzt: Mattheuers Landschaften sind bedeutungsgeladen, auch wenn sie von anderen Nöten und Sehnsüchten erzählen wie die Weltlandschaften eines Caspar David Friedrich, auf den er sich immer wieder bezog.

Wahllos schöne An- und Aussichten hat Mattheuer nie dargestellt. Dazu war er viel zu sehr ein bekennender Heimatmensch. 1927 in Reichenbach im Vogtland geboren, kehrte er bis an sein Lebensende von Leipzig, seiner Wahlheimat, regelmäßig dorthin zurück. Sein Vater besaß am Stadtrand ein Haus mit Garten, das auch der Familie des Sohns zum Refugium wurde. Der Begriff Erholung beschreibt dies nur unzureichend, selbst wenn Mattheuer die dort entstandenen Landschaften und Gartenbilder liebevoll "Erholungsbilder" genannt hat. Der zu DDR-Zeiten privilegierte und weitgereiste Künstler war, im altmodischen Sinn, heimatverbunden. Die Ausreisefrage hat sich für ihn wohl selbst in den späten DDR-Jahren, der Zeit der großen Enttäuschungen, nie ernsthaft gestellt.

Überwindung der DDR-Enge durch Landschaft

Straßen, Schienenwege und Horizonte sind Grundelemente seiner Landschaftskunst. Mattheuers Vogtland: weites Grenzland; sein Garten in Reichenbach: ein Streuobstwiesenparadies mit Aussicht – die Überwindung der DDR-Enge durch Landschaft. Doch der Weitblick bleibt ambivalent: sei es durch Fabrikschlote oder Landwirtschaftssilos wie in "Ein weites Feld" (1973) aus der Berliner Nationalgalerie; oder durch die Kondensstreifen unsichtbarer Düsenjäger im strahlenden Himmel des Programmbilds "Das blaue Leipzig" von 1971.

Selten nur rückt Mattheuer Bedrohungen unmittelbar ins Bild, am augenfälligsten mit dem ausgekohlten Tagebau des Leipziger Umlands. Besonders in den frühen Landschaften erweist er sich als Meister verhaltener Katastrophen. In den beiden Versionen der "Großen Straße" von 1961 muss man schon genauer hinschauen, um den Verkehrsunfall im Mittelgrund zu erkennen. Die zweite Variante des Bildes überstrahlt eine giftige weißgelbe Sonne. Mattheuers Welttheater am Firmament, mit all den Sonnen, Wolken, Blitzen, wirkt fast immer als Irritation. Selten nur, wie in den saftigen Ansichten der Mönchguter Wiesenlandschaft auf Rügen, bleibt die Idylle heil.

Wie Mattheuer Landschaft zum Reflexionsraum erklärt, zeigt das großartige Spätwerk "Nachtspaziergang", ein düsteres Selbstporträt des einsamen alten Malers beim Durchwandern der Vogtlandhügel. Im Hintergrund kündigt sich eine Lichtkonzentration von kosmischen Ausmaßen an, von der man in der friedlich leuchtenden Stadt noch nichts mitbekommt. Nur der Wanderer, mit Hut und Mantel Beckmann und Beuys zitierend, weiß Bescheid. Ein Künstlertraum vom ganzen Menschen: den Kopf im Himmel, die Füße nahe der Heimat, ein Ziel bis zuletzt.

In seinem Essay "Heimat als Utopie" schreibt Bernhard Schlink: "So sehr Heimat auf Orte bezogen ist, Geburts- und Kindheitsorte, Orte des Glücks, Orte, an denen man lebt, wohnt, arbeitet, Familie und Freunde hat – letztlich hat sie weder einen Ort noch ist sie einer. Heimat ist ein Nichtort (...). Heimat ist Utopie." In seinen besten Landschaftsbildern ist es Wolfgang Mattheuer gelungen, aus Heimat- und Kindheitsorten gültige Zeichen dieser Utopie zu formen.

Leipzig, Museum der bildenden Künste, bis 14. Oktober. Der Katalog (Kerber Verlag) kostet 38 Euro.

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