Kultur : Malerei über Malerei - alte Gesten neu definiert

Ronald Berg

Falschheit, das Wort gefällt Susanne Paesler zur Charakterisierung ihrer Malerei. Hatte Paesler früher Karomuster von Tischdecken oder Kittelschürzen auf Faserplatten nachgemalt, so geht es ihr heute um bestimmte Muster in der Malerei selbst. Bei Zwinger fällt ein mittelgroßes Bild ins Auge, das mit seinen Drippings ganz nach Jackson Pollock aussieht - bei näherer Betrachtung ist es allerdings nicht einmal ähnlich. Das dicke, übereinandergeschichtete all-over der Farbe bei Pollock ist hier einem eher luftigen Gespinst gewichen. Trotzdem ist die Handschrift Pollocks, der spontane Stil der Farbe so genau getroffen, dass jeder Kenner sofort an den amerikanischen Maler-Star der fünfziger Jahre erinnert wird. Pollocks Stil funktioniert hier wie ein Markenzeichen, das offenbar auch abstrahiert von seinem ursprünglichen Erfinder weiter kursieren kann.

Soweit die Rezipienten-Perspektive. Wie aber stellt es sich aus der Produzentensicht dar? Es ist die fehlende Ambivalenz bei Pollock, seine Unmittelbarkeit im Ausdruck, die sich als Spur im Bild wiederfindet und die Paesler mit ihrem Stilzitat konterkariert. Trotzdem bleibt etwas von der Unmittelbarkeit des Gestischen in ihren Bildern erhalten. Das Ergebnis ist zwar auf eine andere Ebene versetzt, doch bleibt der Ursprung sichtbar. So stellt sich die von Paesler geschätzte Ambivalenz ein: Das Bild wird zu einer Art von Wackelbild, je nachdem, auf welche Ebene man bei der Betrachtung fokussiert. Der ursprüngliche Ausdruck der Geste Pollocks wird seiner eigentlichen Bedeutung entfremdet und in einen übergeordneten Zusammenhang gestellt, in dem Pollock als Zeichen funktioniert, als Zeichen für die fünfziger Jahre, für den abstrakten Expressionismus, für die Malerei als Verausgabung des Körpers. Doch gerade in der erkennbaren Falschheit bleibt die Erinnerung an das Vorbild bewahrt: Das Zitat bleibt als Zitat sichtbar. Damit rettet Paesler auch die Geste des Malers, dem sie sich anverwandelt hat. Und so gelingt es ihr, dass wir der Reminiszenz an Pollock wieder mit jener Rührung begegnen, die das Original nie mehr haben wird, weil es durch die unendliche Reproduktion und beständige Inanspruchnahme für das Wahre, Echte und Spontane zum Klischee und Plagiat seiner selbst geworden ist.

Was für Pollock gilt, hat Paesler auch in einigen anderen Bildern verwirklicht, die auf den ersten Blick an chinesische Malerei erinnern. Hier wird nicht direkt zitiert, sondern eher eine Art Anmutung des Fernöstlichen in Szene gesetzt. Die roten Pinselstriche fungieren nur als Zeichen für Kalligraphie, und auch die blass-türkisen Orchideenblüten bedeuten nur das häufig in der chinesischen Malerei verwendete Motiv der Blütenzweige, ohne dass ein konkretes Vorbild nachgeahmt würde. Aber auch hier taucht jene Falschheit auf: Die breiten Pinselstriche sind zum Teil nachträglich übermalt worden, ein scheinbar übermaltes rosa Rechteck ist nachträglich zwischen die Malstriche aufgetragen worden, und auch der Rahmen mit seiner Schattenfuge ist Illusion. Prompt ist nicht mehr die Malerei das Thema, sondern das Bild, das man sich von ihr macht.

Wie um diese malerische Geste als Thema noch einmal zu relativieren, hat Paesler in den Kontext der Ausstellung ein geometrisches Bild eingefügt, das mit seiner Struktur aus konzentrischen Kreisen aussieht wie Op-Art der siebziger Jahre, in Wirklichkeit aber das Muster eines Halstuchs aufgreift. So bringt ihre Malerei über Malerei (Preise zwischen 4000 und 11 000 Mark) das Kunststück fertig, sich als Reflexion über die eigene Zeichenhaftigkeit vorzuführen, ohne dabei zu persiflieren. Mit diesem Dreh, die Authentizität des existenziellen Ausdrucks mit dessen Charakter als Zeichen des Authentischen zu verquicken, sind auch Gefühle wieder möglich. Denn, so Paesler: "Ohne eine gewisse Emphase geht es nicht."Galerie Zwinger, Gipsstraße 3, bis 18. März; Dienstag bis Freitag 14-19 Uhr, Sonnabend 11-17 Uhr. Zur Finissage erscheint ein Katalog für 20 Mark.

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