Malerei : Wie die Stiere

Reiche Sammler streiten, das Publikum applaudiert. Auktionen werden immer mehr zu Schaukämpfen. Waffen sind die Millionen auf dem Konto.

Matthias Thibaut
Apfelernte
Rückkehr der Avantgarde. Das aktuell teuerste russische Bild "Apfelernte" hat Natalia Gontscharowa 1911 gemalt. -Foto: Christie`s

Kunst ist zum Zuschauersport geworden. „Wie ein Stierkampf“, findet ein Londoner Händler. Auf den Tribünen sitzen die Schaulustigen und TV-Kameras, die Händler spielen die Rolle von Picadores und bestreiten die Vorkämpfe. Dann schreiten steinreiche Privatsammler wie Toreros zur Tat und bringen den Stier, das Kunstwerk, zur Strecke. Wird geklatscht, weil ein großer Preis zustande kam, weiß man nie, ob es dem Torero oder dem Stier gilt, dem Käufer oder der Kunst.

Bisher war das Jahr voll spannender Stierkämpfe, und viel wurde geklatscht. Beim bisher teuersten Kunstwerk des Jahres etwa, Mark Rothkos „White Centre“ (73 Millionen Dollar), oder dem Hype der Saison, Warhols „Green Car Crash“, das die Galerie Bischofsberger einst kaum verkaufen konnte, weil es den Sammlern zu grausam war. Nun bezahlte ein chinesischer Sammler 72 Millionen Dollar dafür. Narretei oder überlegenes Kunstverständnis?

Den folgenreichsten Preis bewilligte ein blasser junger Mann mit schwarzen Haaren und Boxernase im Februar bei Sotheby’s für Peter Doigs „White Canoe“: 5,7 Millionen Pfund oder 8,7 Millionen Euro, das brachte das ganze Preisgefüge für die zeitgenössische Kunst durcheinander. Inzwischen sitzt der junge Mann regelmäßig ganz vorn in den Auktionen und bietet um die besten Werke mit. Es handelt sich um Gher Ivanishvili, der für seinen Onkel Boris aktiv ist, einen Georgier, der mit russischen Bergwerksprivatisierungen genug verdiente, um sich nun nach Art der Milliardäre ein wunderbares Privatmuseum zusammenzukaufen.

Onkel Boris soll vor einem Jahr bei Sotheby’s 96 Millionen Dollar für Picassos Dora Maar bezahlt – und damit den Vormarsch der Russen in den Modernemarkt eingeleitet haben. Er setzte damit vielleicht das wichtigste Zeichen der neueren Kunstmarktgeschichte: Schon ist das teuerste russische Bild kein Sonnenaufgang des bisherigen russischen Lieblingsmalers Iwan Konstantinowitsch Aiwazowskji aus dem 19. Jahrhundert mehr, sondern ein Gemälde der Avantgardistin Natalia Gontscharowa von 1911. Sie kostet mit 4,9 Millionen Pfund bereits das Doppelte des teuersten Aiwazowskji.

Unterdessen heizte Ghers hochbezahlter Doig die Kunst der Zeitgenossen an: Damien Hirsts Pillenschrank „Lullaby Spring“ wurde im Juni das teuerste Kunstwerk eines lebenden Künstlers, mit 9,6 Millionen Pfund. Auch die chinesische Contemporary Art erreichte Rekordhöhen: Diesmal war es vermutlich ein westlicher Sammler, der bei Sotheby’s für Yue Minjuns „Papst“ in Unterhose 2,1 Millionen Pfund bezahlte. Vor zwei Jahren lag Yue Minjuns Höchstpreis noch bei 185 000 Dollar.

Auch bei der alten Kunst wurde geklatscht:. Raffaels Porträt des Lorenzo Medicis brachte es auf 18,5 Millionen Pfund (27 Millionen Euro), und eine hellenistische Bronze der Artemis kostete 25,5 Millionen Dollar – Händler Giuseppe Eskenazi dürfte die teuerste Antike für eine Schweizer Sammlerin von Trophäen der Kunstgeschichte erworben haben.

Bieten bei Champagner und mit Blondinen in der Loge

Kurzum: Kunst ist der weltweit führende Luxusartikel geworden – prestigeträchtiger als Luxusjachten, teuerer als Villen in den Hamptons oder an der Côte d’Azur und dank der Auktionshäuser so einfach zu handeln wie Goldbarren oder Rohdiamanten. Die Monetarisierung der Kunst ist perfekt. Aus dem einstigen Statussymbol der Aristokratie, dem Bildungshobby des Großbürgertums, ist ein eigenständiger Zweig des Investment Bankings geworden.

2007 wird das heißeste Jahr der Kunstmarktgeschichte. Die zeitgenössische Kunst hat die Moderne und die Impressionisten als Leitwährung des Reichtums ersetzt. Hier haben sich die Umsätze der Auktionsriesen gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt. Insgesamt machte Christie’s im Halbjahr bis Ende Juni bereits mehr Umsatz als im gesamten Jahr 2005 – gut 3,47 Milliarden Dollar. Bei Sotheby’s sind es 2,83 Milliarden Dollar – ein Plus von insgesamt 47 Prozent in allen Sparten.

Das alles hat nun eine Diskussion wieder angeheizt, die vor ein paar Jahren angesichts stetig steigender Preise zu langweilig geworden war. „Die Natur einer Blase ist, dass sie platzt, ob sie nun aus Seife, Öl, Wasser oder Kunst ist“, schrieb der New Yorker Kunsthändler Richard Feigen im „Art Newspaper“. Er erinnert an die frühen neunziger Jahre, als die Japaner, aufgebläht von ihrer eigenen „asset bubble“ bei Immobilien- und anderen Vermögenswerten, Kunst vom Luxus-Accessoire zum Investment machten und nicht Kenner, sondern Buchhalter in die Auktionen schickten.

Feigen sieht heute Ähnliches und beschreibt, wie am 8. Mai bei Sotheby’s in New York in einer der Logen für die reichen Bieter ein Russe saß und „im schwarzen Hemd, mit einer Flasche Champagner und einer Blondine 23,3 Millionen Dollar für einen zweitrangigen Feininger bezahlte, der vor zwei Jahren noch keine drei Millionen Dollar gebracht hätte“.

Andere wie Christie’s Hauptgeschäftsführer Dolman glauben an einen grundlegenden Strukturwandel, der den aktuellen Kunstmarkt gegen Krisen abschottet: Wenn die Chinesen als Warhol-Käufer wegfielen, sprängen die Russen ein. Inder und Araber stünden schon bereit: Wenn die Neue Leipziger Malerei wieder billiger wird und die Chinesen ihren Preis nicht halten, dann gilt der nächste Kunstboom eben der Malerschule von Mumbai.

Doch macht es wirklich nichts aus, welche Kunst mit welcher Aussage in den Schmelztiegel der globalen Kunstbörse geschoben wird? Feigen vergleicht den Preis für Hirsts diamantbesetzten Totenkopf (50 Millionen Pfund) mit dem für das Tizian-Porträt eines jungen Mannes, das Lord Halifax aus der National Gallery abziehen will (55 Millionen Pfund), und wundert sich. Kann ein historisch immens einflussreicher Maler wie Tizian wirklich gleich viel kosten wie „glitzernde Materialien, ein prätentiöser Titel und eine Kompanie von Sicherheitsbeamten“? Francis Bacon kostetet heute mehr als ein Raffael. Wenn die Blase platzt, weiß man wenigstens, welche Arbeiten zu teuer bezahlt wurden. Der Münchner Altmeisterhändler Konrad Bernheimer jedenfalls berichtet, er stelle schon für mehrere Contemporary-Käufer Altmeistersammlungen zusammen: „Denen wird das zu heiß.“

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