Malerei : Zwischen Baum und Börse

Tuschemalerei der Gegenwart: Mit Ausstellungen in Berlin und Dresden bedankt sich China - mit einer Kunst, die im Westen keine Entsprechung hat, auch nicht in dem entfernt verwandten Medium des Aquarells.

Bernhard Schulz

Was darf Tuschemalerei? Alles! Sie darf Bambus darstellen, wie in all den 2000 Jahren, die ihre Tradition zurückreicht, aber sie darf auch das Thema der Börsenspekulation in einem vielfigurigen Gewimmel aufgreifen. Sie darf bei Zhang Lichen „Bambusschatten im Nebel“ thematisieren und bei Li Xiaoxuan „Aktien! Aktien?“, und wenn die beiden Arbeiten etwas gemeinsam haben, dann ihr außerordentlich großes Format, im ersten Fall von fünf Metern Höhe, im zweiten von über sechs Metern Breite, zusammengeklebt aus fünf Papierbahnen.

Und doch gehören beide Arbeiten eng zusammen, der Bambus und die Börse. Denn die Tuschemalerei ist für China die nationale Kunst schlechthin, wie Fan Di’an, der Direktor des Nationalen Kunstmuseums Chinas in Peking (NAMOC), betont. Ihre Gemeinsamkeit liegt, über die empfindliche, flüchtige, bereits im ersten Anlauf höchste Perfektion verlangende Technik hinaus, in ihrer Abstraktion, ihrer Über-Realität, ihrer Ansprache an die Imagination des Betrachters. Nicht das Abbild eines konkreten Bambusrohres wird vorgestellt, sondern das Idealbild des Bambus, nicht das Börsengeschehen in Schanghai abgebildet, sondern der seelische Vorgang rings um Börsenspekulation. Stets bleibt der Betrachter aufgefordert, das Tuschebild geistig zu durchdringen und zu ergänzen.

Gelegenheit dazu besteht derzeit an zwei verschiedenen Orten, in Berlin und in Dresden – und es ist dies keine glückliche Lösung. Denn die „Gegenausstellung“, die das NAMOC für die beiden derzeit in Peking gezeigten Ausstellungen zur deutschen Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts sowie zum Werk von Gerhard Richter (Tagesspiegel v. 20. Mai) nach Deutschland geschickt hat, wird so an ihrer für das westliche Auge spannenden Nahtstelle geteilt: der zwischen der figürlichen und der Landschaftsmalerei, zwischen einer – womöglich – narrativen und einer widerspiegelnden, zwischen bewegter und beruhigter Malerei.

Es mag der Wunsch gewesen sein, mit Berlin und Dresden die beiden Hauptleihgeber des Pekinger Gastspiels gleichermaßen zu bedenken. Die gesamte Ausstellung mit ihren über 120 Arbeiten ließ sich kaum an einem Ort unterbringen; auch so sind die Sonderausstellungshalle in Berlin-Dahlem und der Lipsiusbau auf der Brühlschen Terrasse in Dresden vollständig gefüllt. Man kann nur hoffen, dass möglichst viele Besucher den Weg in beide Städte nehmen und sich auf das Abenteuer Tuschemalerei einlassen, das in der westlichen Kunst keine Entsprechung hat, auch nicht in dem entfernt verwandten Medium des Aquarells. Denn während dieses dem kleinen Format und der intimen Betrachtung vorbehalten ist, zielt der Anspruch der Tuschemalerei weiter, und heutzutage noch weiter denn je zuvor in ihrer 2000-jährigen Geschichte. Doch nicht um die Größe geht es, auch wenn mit ihr aus dem traditionellen Rollbild das öffentliche, auf einen Blick auszumessende Werk wird. Es geht um den Anspruch der Tuschemalerei, die Gedanken ihrer Epoche auszudrücken, das Verhältnis zu Natur und Umwelt zu bestimmen, und in jüngerer Zeit auch die rasch sich wandelnden Verhältnisse der Gesellschaft zu beschreiben.

„In den Augen der Chinesen verkörpert die deutsche Kunst ebenfalls eine kulturelle Tradition, die bei allen zeitgenössischen Entwicklungen eine kulturspezifische Modernität und nationale Spiritualität bewahrt“, sucht Fan Di’an, neben seinem Direktorenamt selbst als Künstler tätig und Kurator dieser großartigen Ausstellung, dem deutschen Publikum eine Brücke zu bauen. Auch die deutsche Malerei der Romantik, die derzeit in Peking ein zahlreiches Publikum findet, sucht weniger das Abbild als den Inbegriff der Natur und thematisiert da, wo sie konkrete Ereignisse darstellt, zugleich das Verhältnis des Ich zur Welt.

Auf eine komplexe Weise verschränkt sich diese Polarität innerhalb der chinesischen Kultur in der Gartenkunst. Der chinesische Garten ist kein Ausschnitt aus der Natur, sondern eine Projektion des idealen Lebens. Er ist natürlich und künstlich zugleich; bisweilen, so scheint es dem westlichen Auge etwa in den kaiserlichen Gärten Pekings, durchaus gekünstelt. Eine weitere Ausstellung, zu sehen im elbaufwärts vor Dresden gelegenen Schloss Pillnitz, diesem herrlichen Zeugnis europäischer China-Sehnsucht, macht mit jüngsten Beiträgen zum Garten-Thema bekannt. Die Auswahl ist höchst irritierend; denn statt Gartenmodellen bekommt der Besucher Porzellangedecke, Stahlrohr-„Möbel“ oder riesige, seidenbespannte Glasfaser-Blattwedel zu sehen, ja selbst Lego-Felsformationen oder Op-Art-Kleider. Und betritt mit einem Mal die Installation „Landschaftsstudie“ von Lu Shengzhong, ein geräumiges Zimmer, dessen Wände von Landschaftsdarstellungen auf Papier auf den Rücken zahlloser Bücher bedeckt sind. Diese Bücher sind tatsächliche Bücher, man kann sie aufblättern, sie sind so gebunden, dass ihre Rücken Bruchteile einer großen Landschaft bilden. In dieser faszinierenden Installation kommen Objekt und Repräsentation, Natur und ihre Darstellung zur Deckung, ebenso aber die Medien der Schrift und des Bildes, die sich im Chinesischen im Zeichen vereinen: dem Schriftzeichen wie zugleich Bildzeichen.

Dass die chinesischen Künstler, die mit ihren Ausstellungsstücken nach Deutschland gereist sind, in den Büchern dieses Zimmers lesen können, haben sie dem Westler voraus, der schrift- und sprachlos bleibt vor dieser Arbeit. Und erkennen muss, dass er den ganzen Gehalt der chinesischen Kultur nicht erkennen kann, sondern bestenfalls erahnen.

Tuschemalerei der Gegenwart: Berlin, Lansstraße 8; Dresden, Lipsius-Bau, beide Ausstellungen bis 14. Sept., Katalog 15 €. Chinesische Gärten: Dresden, Schloss Pillnitz, bis 31. Okt., Katalog 19 €.

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