Maliheh Afnan in Berlin : Sonne und Asche

International ist Maliheh Afnan ein Star. Die Galerie Kornfeld zeigt das Werk der persischen Künstlerin nun in Berlin.

Marleen Stoessel
Geheime Gedanken. „Contained Thoughts“ nennt die persische Künstlerin Maliheh Afnan ihre Arbeit von 2011.
Geheime Gedanken. „Contained Thoughts“ nennt die persische Künstlerin Maliheh Afnan ihre Arbeit von 2011.Foto: Galerie Kornfeld

In elf Plexiglasgefäßen stecken verschiedene, Faksimiles gleichende Schriftrollen, grau marmoriert die einen, in Oker- und Sepia-Tönen die anderen. „Contained thoughts“ heißt das Ensemble der Blätter, welche die originären Handschriften einer zeitgenössischen Künstlerin sind.

Maliheh Afnan wurde 1935 in Haifa als Tochter persischer Eltern geboren, über langjährige Stationen in Beirut, Kuweit, Washington DC und Paris kam sie nach London, wo sie heute lebt. Die Schriftrollen hat sie gleichsam als eigene kleine „Edition“ installiert. Sie fühle sich nicht so sehr als Schöpferin denn als Herausgeberin ihrer Werke, so sagt sie einmal in einem Interview. Denn all ihre Werke sind Schriftbilder, Palimpseste, deren Schichten sie auf- wie abzutragen scheint. Es sind die Schichten der Erinnerung, die jedoch nicht an außerhalb von ihr liegende, reale oder historische Ereignisse knüpfen, sondern ganz ihrer Innenwelt entstammen. Dem Archiv ihres Gedächtnisses, dessen unbewusste Spuren, individuelle wie kollektive, sie zeichnend, schreibend, kolorierend aufzudecken und wieder zu verwischen sucht. Und was sie, selbst in ihren jüngsten Werken, welche die Galerie Kornfeld in einer kleinen, konzentrierten Ausstellung (Preise: 12 000–75 000 €) zeigt, aus diesem inneren Archiv hervorholt, trägt immer die Patina eines archäologischen Fundstücks, einer Scherbe mit fremden Chiffren, den Resten einer alten, unlesbaren Schrift. Schriftlandschaften, manchmal wie ein Relief sich heraushebend, manchmal textil.

Maliheh Afnan verschmilzt persische mit westlichen Einflüssen

Auch Gesichter treten geisterhaft aus ihnen heraus und bleiben zugleich ihr Teil – so wie jene namenlosen Personnages, von denen hier nur eine zu sehen ist. „Man with Papillon“: das Gesicht im leinenen Abbild von den zarten Rottönen wie in ein fernes erinnertes Leben geküsst. Andere Werke erinnern an eine Höhlen- oder Erdzeichnung, so die nächtliche, wie in Bronze gegossene Karte einer großen Stadt („Nocturnal City“). Diese Fundstücke, ins Licht des Bewusstseins geholt, scheinen Zeugnisse eines Uralten wie eines Jüngstvergangenen zu sein. Zeugnis wofür?

Da sind zum einen die kulturellen Verweise auf die alten, kalligrafischen Traditionen der persischen Herkunft, ihre Verschmelzung mit den westlichen Einflüssen des Surrealismus, der écriture automatique oder der abstrakt-ornamentalen Suchbewegungen von Paul Klee. Auch Reminiszenzen an Henri Michaux mag man erkennen oder an die white writings von Mark Tobey, zu dem die junge Kunststudentin eine besondere Affinität empfand. Dieser große amerikanische Künstler war es, der ihr später in Basel zu ihrer ersten Ausstellung verhalf. Weitere materiale Hinweise geben die Farben: immer gedämpft, oft wie gebrannt, von innen glühend in den Tönen von Erde, Rost, Sonne und Asche. In Schichten werden sie über die Schriftzeichen gelegt, zerrieben und neu aufgetragen, bis sie die ruinöse Patina eines Pergaments annehmen. Oder die endlosen Reihen der mit schwarzer und roter Tinte gepinselten Chiffren, welche die Künstlerin mit einer Gaze überzieht und zu einer Art Klanggewebe fügt, durch das die Buchstaben noch wie Töne hindurchsickern. Eine „Textur“, die sich buchstäblich als Metapher ihrer selbst präsentiert, mehr noch: als Geburt einer Metapher, die wir Text und Textur, das Gewebte nennen.

Dann ist da das Echo, das diese Werke hier von den Gedichten des persischen Dichters Sohrab Sepehri (1928–1980) empfangen. Dessen Zeilen in englischer Übersetzung „Tonight The Door Towards Words Will Be Opened“ geben der Ausstellung den Titel. Die Kunstphilosophin A. S. Bruckstein Coruh hat sie kuratiert und das poetische Echo mit einer kongenialen Licht-Video-Installation der Wiener Künstlerinnen Eva Beierheimer und Miriam Lausegger ergänzt. Zugleich hat Bruckstein damit eine weitere Seite ihres Projekts aufgeblättert, das sie 2009 unter dem Namen „Taswir“ im Martin-Gropius-Bau vorgestellt hatte. Taswir heißt im Persisch-Arabisch-Osmanischen Bild, auch Trugbild. „House of Taswir“ nennt sie ihr unabschließbares Projekt, mit dem sie an die östliche, ornamental-assoziative Denktradition anknüpft, die ihrem Wesen nach Schrift, Textur, unendliche Fortschreibung ist. Eine Denktradition, die in Deutschland noch ihrer Entdeckung harrt, so wie das Schrift-Kunst-Werk Afnans. Bruckstein war es, die Kornfeld und sein Team mit der Künstlerin bekannt machte, deren Arbeiten international nicht nur hoch gehandelt werden, sondern auch in Museen von New York, Paris oder London zu sehen sind.

Die letzte Antwort aber gibt Afnans Kunst in ihrer Unerklärtheit, ihrer Dialektik von Verhüllung und Enthüllung, von Offenbarung und Verschleierung selbst. Wie im Steinblock für den Bildhauer die Figur zu ahnen ist, die es herauszumeißeln gilt, so im leeren Blatt für den Maler, den Dichter, den Kalligrafen, die unsichtbare Schrift, die auf ihre Belichtung wartet. Dass diese Erinnerungsschrift zwar sichtbar, aber nicht lesbar, nicht konkret bedeutsam und verstehbar wird, damit ihr Geheimnis zugleich zeigt und verbirgt, ist das Faszinierende dieser Kunst. Es ist dieser Brückenschlag zwischen Ost und West, Antike und Moderne, den religiösen Traditionen von Schrift und von Bild – der Brückenschlag eines an keine territorialen Grenzen gebundenen Gedächtnisses, der hier zum Ausdruck kommt. Eine hierzulande kaum bekannte große Künstlerin ist bei Kornfeld zu entdecken. Eine Weltbürgerin der Kunst. Ein Glücksfall.

Galerie Kornfeld, Fasanenstr. 26, bis 8. 11., Di–Sa 11–18 Uhr

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