Kultur : Malu und die Wölfe

Bodo Kirchhoff hat mit „Die kleine Garbo“ schon wieder einen tollen Schundroman geschrieben

Ulrich Rüdenauer

Ein Hans im Glück ist dieser Giacomo Hoederer nicht gerade: Frau weg, Job weg, und auch zum Kriminellendasein fehlt das Talent. Bei einem Banküberfall geht dem verkappten Lehrer alles schief; eine fehlgeleitete Kugel landet, wo sie nicht landen sollte, im Kopf einer Frau. Der Unglücksrabe flieht mit einem Motorrad, baut einen Unfall, und den krönenden Abschluss bildet der Versuch, sich selbst umzubringen, was gleichfalls misslingt und in einem erneuten Totschlag aus Unbeholfenheit endet: Diesmal muss ein hilfsbereiter Chauffeur dran glauben, der durch die gottverlassene Gegend fährt, um einen Kinderstar zum entlegenen Drehort zu bringen.

An manchen Tagen sollte man gar nicht erst aufstehen. Der lebensmüde Held setzt sich nach dem erneuten Schießunfall in die Limousine und möchte es noch einmal mit dem Selbstmord probieren, da dudelt plötzlich ein Handy vor sich hin. „Ganz langsam, als müsste er dem Finger noch eine Chance geben, zog er den Lauf wieder aus dem Mund. Bevor er sich über die Lehne beugte und einen Engel mit Hund und Handy sah. Und ohne das zierliche Gerät – aus dem noch immer viel zu klirrend die schöne alte Nummer kam – hätte er gedacht, er sei bereits tot und werde von dem Engel verhöhnt; so aber riss er ihm das Gerät aus der Hand und unterbrach das Geklingel.“ Der Engel entpuppt sich als püppchenhafter Fernsehkinderstar Malu, der nun zur Geisel des depressiven Altachtundsechzigers mit Pechsträhne wird.

Der tiefe deutsche Wald – ja, Wölfe tauchen auch noch auf –, ein Engel und ein paar Tote: Darunter macht es der 1948 geborene Schriftsteller Bodo Kirchhoff nicht. Man möchte das Buch mit dem Grimm’schen Personal bei diesem kruden Plot gleich zur Seite legen und dem Autor dann doch lieber wieder den Besuch der eigenen Schreibwerkstatt am Gardasee oder einen weiteren echten Schundroman anempfehlen: Lieber Herr Kirchhoff, lassen Sie die Finger von postmodernen Märchen!

Aber wundersamerweise sitzt man diesem Märchen dann ein wenig auf, sitzt man schließlich selbst auch mit der verwöhnten Fernsehgöre und dem Pechvogel Hoederer ganz gern und heimelig im Auto. Es schneit und die Wölfe heulen, und man schaut und hört zu, wie sich die beiden gesprächsweise annähern. Die ganze kolportagenhafte Chose entwickelt in manchen Szenen einen Charme, der gerade aus dem Aberwitzigen resultiert. Unglaubwürdigkeit ist jedenfalls das Grundprinzip dieses Buches.

Der alte Pseudokluge unterhält sich mit der Altklugen über das Leben. Er hat ein verkorkstes hinter und nur noch ein kurzes vor sich, ja, es blutet langsam aus ihm heraus: Kirchhoff beschreibt einmal mehr einen obsessiv verwundeten Männerkörper. Ihr Leben hingegen spielte sich bisher eher auf dem Fernsehschirm ab. Hoederer, Liebhaber alter Filme und besonders von großen Hollywood-Diven, hat dann auch gleich den titelgebenden Spitznamen für seine Geisel parat: kleine Garbo. Verlierer trifft auf Star, Authentizitätssucher auf Kunstprodukt, Mörder wider Willen auf Engel: Das Leben ist manchmal ein ganz schönes Kasperletheater, und Bodo Kirchhoff versucht, einen in diesen Kunstraum zu versetzen und dabei zugleich die künstliche Welt zu attackieren.

Das tut er allerdings mit dem Holzhammer: Die Medienkritik des Buches ist ungefähr so subtil wie die angegriffene boulevardeske Medienwelt selbst. Eine karrieresüchtige Producerin will die Entführung ausnutzen und daraus ein Reality-Drama basteln. Die Medienmeute, soll uns das bedeuten, geht über Leichen. Zwischen Entführer und Geisel hingegen entsteht aus der Not heraus Einfühlsamkeit und Nähe. Der alte Linke, der früher gegen den Staat agitiert hat und deshalb – ein Opfer des Radikalenerlasses – nicht Lehrer werden durfte, ist plötzlich mit dem Zusammenbruch seiner Ideale konfrontiert. Er, dessen hochstaplerischer Wahlname „Giacomo“ schon den utopischen Träumer erahnen lässt, muss sich nun mit einem Ich auseinandersetzen, das er so noch nicht kannte – ein Problem, das allerdings nicht nur in die Jahre gekommene Altachtundsechziger mit ihm teilen. Und Kinderstar Malu darf feststellen, dass das Leben sich nicht immer nach einem Drehbuch spielen lässt.

Das ist für beide sehr überraschend und heilsam, wenn es auch zumindest für Hoederer nicht gut ausgeht – und auch nicht so recht für den Roman, dessen märchenhafte Konstruktion doch ziemlich viele einsturzgefährdete Stellen aufweist und dessen Dialoge oft Telenovela-Niveau haben oder knapp am Sat-1-Super-Kitsch-Movie vorbeischrammen. Alles endet in einem großen Showdown mitten in den dunklen Wäldern des Ostens: ein großes Finale mit Opernarien, Hubschraubern, verzögernden Spannungsmomenten und anderem Trara.

Das eigentlich Spannende dieses ziemlich hanebüchenen Buches, die Beziehung zwischen Hoederer und Malu, geht im ganzen Schlussgedöns fast ein bisschen unter. Und da hilft leider auch kein „Wunder“, das noch eine ganze Weile weitergeht, „indem sie ihn an der Jacke hielt, und ihr beider bisschen Glauben an einen Himmel, der kein Olymp war, reichte plötzlich, um ohne Angst ins Dunkle zu gehen.“ Ja, und wenn sie nicht gestorben sind …

Bodo Kirchhoff: Die kleine Garbo. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt. Frankfurt am Main 2006. 287 Seiten. 19,90 €.

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