Kultur : Mama auf dem Dach

INGRID SEIDENFADEN

Ist es das Dach eines Penthouse, eines Altenheims, oder ist es das Dach der Welt? Alles, und letzteres insbesondere.Dort oben thront Mama, eine rundliche Glucke im bunten Fummel, mir dem listigen Gesicht einer sphinxischen Clownin.Neben ihr ragt ein mächtiger steinerner Engel in den Himmel, in seiner Hand ein Lorbeerkranz.Am Ende, wenn der Sohn, der ein erfolgloser Autor ist und ein Kinderstar war, seinen Kopf in ihrem Schoß birgt, wird die Mutter sagen: "Bleib bei mir.Hier kann dir nichts passieren.Und wem verdankst du das alles? Mir." Und Ilja, der endlich Richter sein will, ist wieder daheim.Bei Mama im Altenheim.Eine schwarze Vision, eine schrille Groteske.Das Premierenvolk im Münchner Volkstheater jubelt den Protagonisten von Ilja Richters erstem Theaterstück "Altweibersommer" zu: Helen Vita und Ilja Richter.Der junge Regisseur Detlef Altenbeck hat die Uraufführung inszeniert.

Richter, der ehemalige TV-Entertainer mit dem unverschämten Bubencharme, ist längst zum seriösen Schauspieler mutiert.In ehrlicher Absicht und mit einer Knalltüte voll bunter Einfälle hat er in "Altweibersommer" nun (teilweise) die eigene Biographie geplündert, was ja kein Einzelfall ist, zumal bei Erstlingsdramen.Und hat sich denn doch verheddert im Gestrüpp von Komik, Ernst und Spaß mit tieferer Bedeutung.Das Ding hat keine richtige Form gefunden, der Autor reiht Sketch an Sketch, ziseliert, springt um und über seine Einfälle, seine Figuren.Doch da, wo die Konflikte komplex werden, stiehlt er sich mit einem makabren Witz davon.Next Number.

Der Einstieg in die Geschichte, die auch eine Beschwörung von Theater-Gespenstern auf dem Theater ist, ist sehr komisch.Der Sohn und Autor kidnappt den Wiener Burgtheaterdirektor (Christian Hoenig gibt ihm die diskreten Konturen eines gewissen Claus P.), der das Stück nicht gelesen hat, zwingt ihn mit der Pistole als bösen Armani-Engel und kritischen Nörgler ins Stück - eben den "Altweibersommer".Ein köstlicher Rolling Gag, mit dem Richter eventuellen Parkett-Nörglern schlau das Maul stopft.

Mama residiert als fremdartige Außenseiterin, fröhlich oder verzweifelt: an der Pulle nuckelnd, im Altenheim.Sie ist Jüdin, der ältere Sohn Benjamin, ein orthodoxer Jude, kommt aus Israel zu Besuch.Zwischen Lüge, Haß und halben Wahrheiten entspinnt sich zwischen den Dreien eine Vergangenheitsbewältigungsgeschichte - und versickert rasch in der Skizze.Da, so darf man mutmaßen, traut sich Richter nicht recht ans schmerzende Fleisch.Statt dessen entertaint ein komischer Alten-Chorus mit Senioren-Animation, Mama-Liedern und bösen Sprüchen.Auf Marie Strohscheins gelungener Bühne hat Detlef Altenbeck eine durchaus unterhaltsame Revue inszeniert.Präzise, schnell, mit Ironie und leichter Hand.Und über allem dräut der Engel mit dem Lorbeerkranz.Auf den schwierigen Mehrwert hat er sich lieber gleich gar nicht eingelassen.

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