• "Mama Lola: Voodoo in Brooklyn": Wenn dich die Geister reiten - Karen McCarthy Brown porträtiert eine Voodoo-Priesterin in Brooklyn

Kultur : "Mama Lola: Voodoo in Brooklyn": Wenn dich die Geister reiten - Karen McCarthy Brown porträtiert eine Voodoo-Priesterin in Brooklyn

Udo Feist

Alourdes Margaux war Anfang Zwanzig, als sie Haiti 1962 verließ und nach New York kam. Die ersten Jahre in der neuen Umgebung fielen ihr schwer. Krankheiten, die unsichere Folge von Gelegenheitsjobs und Angst vor dem Alleinsein machten ihr zu schaffen. Doch sie lebte besser als in Portau-Prince, wo die gestandene Marktfrau nur selten genug verdiente, um ihre drei Kinder abends satt ins Bett zu schicken. Heute besitzt sie in Brooklyn ein kleines Haus, fühlt sichwohl und arbeitet auch dort. Denn ihren Lebensunterhalt bestreitet Alourdes mittlerweile mit Voodoo, jener skandalumwitterten Religion ihrer karibischen Heimat, wegen der viele Amerikaner haitianischen Immigranten gegenüber misstrauisch sind.

Als Voodoo-Priesterin ist Alourdes so erfolgreich, dass sich eine Art Gemeinde in New York um sie gebildet hat. Eine Voodoo-Familie, zu der neben Vorfahren, Verwandten und zufriedenen Klienten (längst nicht mehr nur Immigranten) selbstverständlich auch ihre Lieblingsgeister gehören - der Schlangengott Danbala etwa, Ogou, der mächtige Krieger, die drei Erscheinungsformen der Ezili (Liebe/Jungfrau Maria, alleinstehende Mutter/Mater Salvatoris, Freda/weibliche Sinnlichkeit) und Papa Gede, Herr des Friedhofs, Hüter von Sexualität und Kindern sowie derb-humoriger Trickster im Voodoo-Pantheon. Gede (am bekanntesten in der Gestalt des Baron Samedi) ist besonders wichtig, weil er die spirituelle Lücke der Emigration schließt: Als beweglicher, von Land und Boden unabhängiger Todesgeist am Schnittpunkt von Ober- und Unterwelt sichert er die Beziehungen zu Ahnen, Land und Geistern, um deren Balance es bei Voodoo stets geht, damit das Leben gelingt. Alle Zeremonien, Rituale und Beschwörungen drehen sich darum.

Zur Familie gehört seit mehr als 20 Jahren auch die Religionswissenschaftlerin Karen McCarthy Brown, die Alourdes alias Mama Lola 1978 kennenlernte, als sie für das Brooklyn-Museum eine ethnografische Untersuchung über Haitianer im Stadtteil machte. Aus Neugier und wissenschaftlichem Interesse wurden Respekt und Sympathie, dann Freundschaft der beiden Frauen und später gar Browns Entschluß, selbst auch "den Geistern zu dienen", wie Haitianer das Praktizieren von Voodoo nennen. Als geistliche Patin begleitete Alourdes sie 1981 schließlich nach Haiti, wo Brown die mehrtägigen Initiationsrituale zur Manbo, zur Voodoopriesterin absolvierte.

So weit das Schweigegebot der Initiation erlaubt, berichtet Brown in ihrem 1991 erschienen Buch "Mama Lola. A. Voodoo Priestess in Brooklyn" auch darüber, denn sie folgt dem Ansatz der Differenz betonenden "interpretierenden Anthropologie" (Clifford Geertz): Gegenstand wie Endprodukt einer ethnografischen Arbeit ist die über sich selbst aufklärende und aufgeklärte Interpretation, die in diesem Fall Herkunftsgeschichte und spirituelle Biographie der Alourdes Margaux fokussiert. 1992 erhielt Brown den "Victo Turner Prize in Ethnographic Writing" für ihr Buch, das bereits 1991 von der American Academy of Religion als "Best First Book in History of Religion" ausgezeichnet wurde und jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt.

Im Wechsel von Familiengeschichte und Kapiteln über jene Voodoo-Geister, die hauptsächlich von Alourdes Besitz ergreifen (die sie "reiten"), entwirft Brown darin ein ebenso intimes wie historisch geerdetes Tableau zwischenmenschlicher Beziehungen, das Ethnografie im besten Sinne als soziale Geisteswissenschaft umsetzt - und den Leser mit einer auch literarisch gelungenen Melange aus Unterhaltung und "dichter Beschreibung" in den Bann seine Gegenstandes zieht. Wobei just dieser mit Beobachtungen aus dem Alltag gespickte Wechsel zwischen Ahnengeschichte und Bild reicher Geisterphänomenologie nachvollziehbar macht, dass es bei Voodoo gerade nicht um gängige Klischees geht, die Filme wie Alan Parkers "Angel Heart" (1986) mit Bildern von nächtlicher Trommelekstase, animalischem Sex und geköpften Hähnen oder Voodoo-Puppen samt Schadenszauber-Nadeln aus dem esoterischen Versandhandel verbreiten.

Brown schildert demgegenüber anschaulich, unprätentiös und exemplarisch, wie sich Traditionen und Geschichte, die bis nach "Ginen" (Afrika) zur Zeit der Sklavenjagden zurück reichen, wie sich der Überlebenskampf einer bitterarmen Bevölkerung auf Haiti sowie ihre blutigen Erfahrungen unter den Duvaliers (bis 1986) und dem Terror der bis heute aktiven Tonton Makout in den Biographien der Immigranten um Alourdes niederschlagen. Und Voodoo als ritualisierte Beziehungsarbeit zwischen dem Wiederfinden verlegter Gegenstände, Tipps für Liebeskummer und rätselhaft-psychotropen Heilungen spielt dabei die zentrale Rolle.

Teilweise bedrückend, beispielsweise wenn es um den Alltag karibischer Marktfrauen geht, die einer vom Rum betäubten Machowelt ihre Körper ganz selbstverständlich als Ware anbieten, aber auch heiter-pittoresk, wenn etwa die kleinen Dramen geschildert werden, die Voodoo-Rituale in New York mit sich bringen. Hier versickern Trank-Opfer nämlich nicht im Boden, sondern ruinieren Teppichböden. Missliebige Passanten werden von kultischen Friedhofsbegehungen oft schneller erregt als die beschworenen Geister. Und bis jemand gefunden ist, der einen Wagen besitzt und sich dann auch noch bereit erklärt, in die Bronx zu fahren, wo es auf den puertoricanischen Märkten lebendes Geflügel für die Opfer eines Voodoo-Festes zu kaufen gibt, können manchmal Stunden vergehen, von der Fahrt ganz zu schweigen. Aber schließlich lehrt den Haitianer die Erfahrung: "Man fährt nicht mit einem lebenden Hahn in der U-Bahn."

Gelungen und sympathisch wie ein guter Roman entwirft Brown mit ihrer "Mama Lola" Geschichte und Geschicke erneut entwurzelter Sklavennachfahren, die am Faden Voodoo entlang ihr Leben organisieren. Mit Alltagswitz, Disposition zum "Echofe" (geistlichen Erhitzen) subtiler Energien und weit zurück reichenden Geistererfahrungen - einer Welt gegenüber, von der die Haitianer selber sagen: "Das Leben ist ein Krieg. Du musst kämpfen, gleich wenn du aus dem Mutterleib kommst." Offenbar hilft ihnen Voodoo dabei.

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