Kultur : Mamma mia

FORUM Wenn Frauen zu wenig lieben: Maria Speths „Madonnen“

Christiane Peitz

Das mit dem Titel, sagt Regisseurin Maria Speth, hat mit ihrer frommen Kindheit zu tun. Die Muttergottes mit Kind war allgegenwärtig. Und dann wird man selber Mutter und die Rolle passt einem nicht. Wie ist das, eine unmögliche Mutter zu sein? Sandra Hüller, die tapfere Heldin aus „Requiem“ und Bärengewinnerin 2006, spielt in „Madonnen“ so eine. Sie heißt Rita, streunt mit Baby in Belgien herum, sucht ihren leiblichen Vater auf, den sie nicht kennt, wird den deutschen Behörden übergeben und landet im Mutter- Kind-Vollzug. Als sie rauskommt, beobachtet sie von Weitem ihre vier anderen Kinder. Ja, sie hat fünf insgesamt und ist überhaupt das Letzte, Chaotin, Streunerin. Amüsiert sich mit einem US-Soldaten, schwatzt ihm eine Wohnung ab und holt alle Kids wieder zu sich.

Aber kümmern? Ein Schlafsofa, ein Fernseher auf ein paar Quadratmetern. Asozial hieß das früher, Unterschicht lautet das aktuelle Etikett. Heute bleiben wir einfach im Bett, sagt Rita zu den Kindern, aber die wollen zur Schule. Sie kennen das nicht, ein Leben mit Mama. Sie kennen nur Rita, und die ist mal da und mal weg, heute Spaghetti, morgen Disco. Da bleiben die Kinder lieber für sich, zumal sie das freudlose Dasein von der Zeit bei der Oma kennen. Die ungeliebte Tochter als lieblose Mutter: Nein, Maria Speth psychologisiert nicht, fällt kein Urteil, sondern schaut einfach zu. Lässt Susanne Lothar als Oma die Zigarettenasche in die eigene Hand abklopfen: Die Geste genügt, um die verhärmten Gefühle dieser Frau zu begreifen. Und immer wieder kleine, präzise Momente, in denen Ritas Freiheitsliebe in Ignoranz gegen andere kippt – und in Panik vor Nähe.

Manchmal vermisst man in „Madonnen“ die Empathie eines Ken Loach, der in „Ladybird, Ladybird“ eine ähnlich chaotische Mutter porträtierte. Bei Loach kann man verstehen, warum Menschen sich unmöglich verhalten. Warum Rita zerstört, was sie liebt, bleibt ihr Geheimnis. Aber vielleicht ist so viel Distanz nötig, um nicht in die Falle sozialpädagogischer Fürsorglichkeit zu tappen. Dass Fanny, die älteste Tochter, am Ende trotzig so etwas wie Mutteranwesenheit einklagt, ist fast schon ein kleines Wunder. Eins zum Verzweifeln.

11. 2., 18.45 Uhr (Delphi), 12. 2., 10 Uhr (Cinestar 8), 13. 2., 20 Uhr (Colosseum), 18. 2., 12.30 Uhr (Arsenal)

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