Kultur : Mammon, Stein und Eisen bricht

„Union der festen Hand“: Eine Theaterexpedition nach Erik Regers Industrie-Roman im früheren Berliner Reichsbahnausbesserungswerk

Kerstin Decker

Wer hat denn gesagt, dass es nicht lange dauern würde? Goethe hat mal für die Geschichte eines einzelnen alten Mannes zwei Teile gebraucht – und nun die Geschichte der ganzen deutschen Schwerindustrie an einem Abend. Im früheren Reichsbahnausbesserungswerk an der Warschauer Strasse, in all den leer atmenden Hallen. Nichts ist so melancholisch wie die hinterbliebenen Orte der Industrie. Stätten des Lärms und der Massen, und wo Lärm und Massen plötzlich fehlen, stehen wir mitten in einem Zeitloch. Guter Ort fürs Theater.

Theater ist immer das, was danach kommt. Wenn die Arbeiter weg sind, kommen die Komödianten. Also Stephan Stroux und seine Truppe. Nun kommen noch einmal Krupp, Stinnes, Thyssen, Flick und die anderen. Kenner könnten einwenden, dass es gar kein Theaterstück mit Krupp, Thyssen, Stinnes und Flick in den Hauptrollen gibt. Jetzt schon, denn Stephan Stroux hat Erik Regers Industrieroman „Union der festen Hand“ dramatisiert. Man kennt Erik Reger vor allem als Tagesspiegel-Gründer nach dem Zweiten Weltkrieg, aber vorher war er schon mal Pressesprecher bei Krupp, und was lag da näher, als Krupp, den zweiten, zur Hauptfigur seines ersten Romans zu machen. 1931 erhielt Reger für das 500-Seiten-Werk den Kleist-Preis. Jeder Reality-Autor von heute hätte gehandelt wie er, damals nannte man das „Neue Sachlichkeit“. Dass Reger Pressesprecher bei Krupp und nicht bei den Gewerkschaften war, merkt man auch daran, dass hier nur ein einziger Arbeiter vorkommt.

Ein Gesamtproletarier gegen mindestens vier Schwerindustrielle, den alten Kaiser, General Ludendorff und einen deutschen Kulturphilosophen (Spengler!), das ist zwar historisch nicht ganz korrekt und außerdem irgendwie unfair. Trotzdem, genau das ist das bislang Ungesehene daran: die Geschichte der Arbeit aus der Perspektive ihrer Organisatoren. Die Sicht der Arbeiterklasse kennen wir schon, aus Romanen, Filmen, Theaterstücken. Die haben ja auch nichts zu verbergen, aber das Kapital?

Die großen Herren im Hintergrund treten nun in den Vordergrund inmitten der Ruinen ihres Zeitalters. Christian Dieterle (Krupp), Hans-Jörg Frey (Stinnes) und die anderen wirken, als hätten sie ihr Leben lang nichts anderes als Großindustrielle gespielt. Oder Kulturphilosophen (Rüdiger Klink macht Oswald Spengler zum energetischen Ereignis). Auf die feinen Unterschiede kommt es an, auch hier. Dieser Gustav Krupp von Bohlen und Halbach (Christian Dieterle) scheint nicht halb so hart wie Kruppstahl, mit dem weißen Hut ist er eher wie ein verirrter, etwas zu streng geratener Dandy in seinen eigenen Werkhallen, die plötzlich in höchste Aufregung geraten, als der Kaiser kommt.

Und was für eine Rede, halb an Krupp, halb an die Arbeiterschaft (ein Arbeiter!) dieser Kaiser (Götz Schulte) nun hält! So lange einer redet, hat er grundsätzlich Recht. Das ist die Grundregel des Theaterspielens, sie gilt sogar für Kaiser und Schwerindustrielle. Wie Schulte das Wort Demokratie mit einem langen, in immer höhere Höhen vorstoßenden Ekelvokal am Ende versieht. Wie er bekannt gibt, dass „Rationalisierung“ nie ein deutsches Wort war und nie eins werden wird. Der neue Krupp und der Kaiser – zwei Metaphysiker der Wirtschaft? Der Kaiser-Monolog ereignet sich in einer Säulenhalle, auf die selbst „Matrix“ neidisch werden könnte in ihrer pittoresken Brutalität.

Als Theaterbesucher kann man die Halle sogar riechen, die Maschinenölaromen, die sich noch nach über zehn Jahren weigern, den Ort zu verlassen. Das schafft ein Gefühl für Dauer. Die Zeitschritte des Stücks – Weltkrieg, Novemberrevolution, Zwanziger Jahre und folgende - sind jeweils Realschritte des Publikums in die nächste Halle. Beeindruckend ist der Sinn für Perspektiven und szenische Lösungen, angefangen bei dem irgendwie trojanischen Pferd aus Eisen und auf Schienen, schließlich hatte Krupp nichts mit Holz, aber alles mit dem Schienenwesen zu tun.

In „Union der festen Hand“ laufen und stehen also nicht nur die Schauspieler, sondern meist auch die Zuschauer. Man kennt solche Erlebnis-Theater-Umzüge. Meist haben sie doch Event-Charakter, um so bemerkenswerter ist, dass sich hier die Hermetik der Sache jedesmal sofort wieder herstellt. Als der einzige Arbeiter des Stücks schließlich arbeitslos wird, sind auch die Reserven unseres Mitgefühls weitgehend aufgebraucht, nach dreieinhalb Stunden deutscher Schwerindustrie. Die Innentemperatur der Zuschauer überschreitet da nur noch unwesentlich die neun Grad draußen. Die Wirtschaft ist das kälteste aller kalten Ungeheuer. Wir haben es gefühlt.

Bis 7. Juni täglich außer Mo/Di, 20 Uhr, Revalerstr. 99, Karten: 030-254 89 100.

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